Oh Gott, ja, Poldi

Bild: Uwe Herrmann 

Wenn du bei deinem Nutellafrühstück auf einmal nur noch an das runde
Leder denken kannst und sogar das Klopapier in der Schwarz-Rot-Gold-Sonderedition daherkommt – dann steht demnächst wahrscheinlich sowas wie ‘ne Fußball-WM an. Die Erste nach “unserem” Sommermärchen, wohlgemerkt, und da kann man schon mal sowas fragen wie Sag mal, bist du eigentlich noch Deutschland?

Oder ist das, was als “neues unverkrampftes deutsches Selbstverständnis” nach 2006 so hochgelobt wurde, einfach nur peinlich? Springst du bald im wieder im Schwarz-Rot-Gold-Latexanzug über die Bierbänke? Weinst du mit Ballack? Hattest du während dem letzten Halbfinale den besten Sex deines Lebens? Oder isst du dein verdammtes Nutellabrot garantiert ohne auch nur einen Gedanken an unsere Elf zu verschwenden? Hannah, Torsten, Christine, mannfRed und Katja haben in der vierten Staffel unserer sexuellen sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” nach Antworten gesucht – Poldis Oberkörper und Heimweh inklusive.


Hannah von aHeadwork.de
“Oh Gott, ja, Poldi”

Ich glaube, ich bin kein Fan. Ich bin vielleicht einfach nicht der Typ Mensch, der zum Fan wird. Mein Interesse an beispielsweise musikalischen Absonderlichkeiten hält sich in Grenzen – ich höre, was da ist und das, was ich höre, höre ich mit Freuden. Das kann der Einheitsbrei auf 1Live sein, genauso gut kann es die Handyklingeltonendlosschleifenfuckwerbung mit dem Viech auf dem Motorrad samt seiner Genitalverkümmerung sein, drrrrümdrrrümdrüm und im Moment ist es “Me and my guitar” von Tom Dice – ich höre es, summe leise mit und kümmere mich nicht drum, was es ist. Das Gleiche gilt übrigens auch für Klamotten. Gebt mir Mainstreamscheiße von H&M, dazu nen Packen Calvin Klein mit einer Prise Idiotie in Form von Ed Hardy – ernsthaft, mir ist es egal. Sitzt, passt und hat Luft. Was braucht man mehr zum Leben.

Was Fußball angeht, sieht die Sache dann aber ein wenig anders aus – schließlich ist es immer so, dass man für sein Anti-(Fan)Dasein Ausreden erfindet, um eben doch nicht so anti zu sein.

2006, das große Sommermärchen, der Traum aller biersaufenden, in Unterhemden rumgammelnden Hartz4-Empfänger und/oder Fußballsympathisanten – endlich träumte ganz Deutschland diesen Traum und Leute, erinnert euch an dieses Gefühl: Es ging nicht wirklich darum, die WM zu gewinnen. Das wäre das Sahnehäubchen gewesen, nach dem wir uns sehnten, weil schließlich jeder Mensch immer mehr will, als er bereits hat, aber das war es nicht. Auf einmal war Deutschland ein Land, in dem man Deutscher sein konnte, die Nationalhymne summte, weiße Hemden mit Deutschlandflagge trug, die sich auch im Gesicht oder auf anderen nackten Körperteilen – *räusper* Titten *ähem* – wiederfand und während die einen “Deutschland” gröhlten, gröhlten die anderen nur “Schland” – gemeint war dasselbe, nur eins war nicht da: Das anklagende Dingsbums über unseren Köpfen, auf dem in Leuchtschrift und mit Hakenkreuzen versehen das Wort “Nazi” steht.

Wir waren deutsch, ohne Nazis zu sein und wir waren deutsch, ohne wirklich deutsch zu sein, weil Nationen nicht mehr von Belang waren. Inzwischen schmecke ich schon wieder diesen faden Beigeschmack anerzogener Schuld, wenn ich sage “Ich bin Deutsche” und die Abneigung diesem Satz gegenüber, aber auch das wird sich wieder ändern, sobald die Weltmeisterschaft zurückkehrt, denn dann feiert jeder mit jedem, nachdem das Spiel vorbei ist – gleichgültig, mit welchem Land man sympathisierte und welches letztendlich gewann. Nur die Spielverderber, die feiern ihre eigene Party und beleidigen die Gegner.

Manchmal lasse ich mich gerne mitreißen, fiebere dann mit der National Elf mit, werfe dem Schiri beleidigende Worte an den Kopf, wenn der Volltrottel falsch pfeift – und hey, jeder Pfiff ist falsch, sobald er sich gegen die deutsche Mannschaft richtet – und trage in meinem Herzen dieses kleine Geheimnis mit mir herum, dass es eigentlich nicht um den Fußball geht. Nicht um die Männer, die über den Platz rennen, schwitzen, Sexyness ausstrahlen, während ich sie mir nackt vorstelle und auf die Sekunde warte, wenn Trikottausch ist – oh Gott, ja, Poldi, zieh dich aus und bedeck für einige Atemzüge dein Allerweltsgesicht, damit ich deinen Bauch ansabbern kann.

Nein, stattdessen geht es um das Gemeinschaftsgefühl. Darum, dass viele Menschen an etwas glauben, auf die flimmernden Leinwände und/oder Fernsehbildschirme starren, mitfiebern, da sind und sich dem Augenblick hingeben, der Nationen verschwinden und Menschen erscheinen lässt.

Und vielleicht, ganz vielleicht, ist es auch nicht so unwichtig, wie klein und knuffig Philipp Lahm aussieht, wenn er wie ein Frettchen über das Spielfeld rennt und der einzige ist, dem mein Herzklopfen gilt, das mit den Herzen aller anderen schlägt – jedes für etwas anderes und doch alle gemeinsam.

Gastautoren auf sexdrugsblognroll.com Hannah von aHeadwork.de
“Oh Gott, ja, Poldi”

 
Die zauberhafte Hannah jongliert nicht mit Buchstaben. Nein. Die Lady hat nämlich das seltene Talent, Sätze sofort gefügig und zu überragenden Texten zu machen. Hier entlang, bitte.

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5 Kommentare zu “Oh Gott, ja, Poldi

  1. rebhuhn sagt:

    der titel-satz im text ist geiyell, um mal eine ‘kuhl-analogie’ herzustellen :D!

  2. Lia R sagt:

    So schön, Hannah, ganz ehrlich. Bestimmt ist der Philipp auch nur dank deinem Herzchen Kapitän geworden ;)

  3. Hausschuh sagt:

    Nun doch noch einige kurze Worte:
    Nationalismus oder Patriostismus zu kritisieren, heißt nicht mit der Nazikeule zu kommen. Das als Argument zu bringen ist ohnehin in den meisten Fällen ein Flasches.

    Dennoch gibt es ausreichend Grund, zumindest meiner Meinung nach, eben nicht schwarz-rot-gold hochzujubeln.
    Und dabei geht es nicht darum, dass andere Länder das aber auch dürfen. Das ist das älteste, und unsachlichste Argument. Wie hat Mama immer so schön gesagt; “Wenn alle aus dem Fenster springen, springst du hinterher?”

    Was habe ich von einem positiven Bezug auf soetwas wie eine Nation? Kann ich nicht anders mit Leuten eine nette Zeit haben. Wie kann ich mri Farben ins Gesicht schmieren, die eben nicht nru Fußball WM, sondern auch Frontex und Top 3 im Waffenhandel weltweit.

    Wie grotesk ist es, von Gemeinschaft zu reden, wenn eben doch nicht jeder mitmachen darf?

    Das Konstrukt von Nation heißt per se immer auch Exklusion. Anders funktioniert es nicht. Das heißt für viele Menschen existentielle Nachteile, Krankheit und Tod.

    Für soetwas muss ich nicht Deutschland abfeiern. Und das ist auch garnicht nötig, um mit der Mannschaft des beliebens (wieso sind eigentlich die meisten für Deutschland? Weil die im selben Nationalstaat trainieren?) mitzufiebern.

    Und die Kritik am Fußball ist nocheinmal ein ganz anderes Thema; http://www.tatort-stadion.de/aktuelles/01a9d793f20f23a04/50146097270d57409.htm

  4. Fake Oakleys sagt:

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