Ehrlicher Festivalguide

Ehrlicher Festivalguide by sexdrugsblognroll.comEs gibt zwei ganz besonders ekelhafte Dinge auf diesem Planeten: Die Mukke der Söhne Mannheims und ein vollgeschissenes Dixie-Klo bei 31 Grad.

Denn – nur um das mal festzuhalten – Festivals sind alles andere als romantisch und spaßig. Viel mehr haben wir es dabei mit harter Arbeit zu tun.

Vier Jahre voller endlosen Wochenenden ohne Dusche, mit viel zu viel schlechtem Alkohol (schon mal Vanillezucker, Korn und Milch in einer Plastikflasche gemischt und getrunken? Eben.), eiskalten Nächten, kleinen Tornados, seltsamen Bekanntschaften und Überlebenskampf plus Blutpogo bei Bands, die man eigentlich ernsthaft genießen wollte sprechen für sich. Und man bezahlt auch noch dafür, aber das nur nebenbei.

Welche Band ist den Stress wert? Welche Nachbarn erwarten dich wo? Was zieht man eigentlich an? Wo ist die fiese Gummistiefel-Mafia am Start? Welche Dixie-Klos sind wirklich sicher? Es folgen die Tipps und Bekenntnisse eines Luxusgirls, das in seinen wilden Zeiten als solches bezeichnet wurde, weil es gewagt hatte, auf dem First Attack doch tatsächlich mit einer DECKE aufzukreuzen.

[ ROCK IM PARK ]
05. – 07. Juni / Nürnberg / Zeppelinfeld

Kostenpunkt: 135 Euro.

Headliner und andere: The Killers / Slipknot / Limp Bizkit / Bloc Party / The Prodigy / Jan Delay & Disko No. 1 / Peter Fox / Polarkreis18 / Flogging Molly / Marilyn Manson

Auffällig: Der Kriegszustand auf den Campingplätzen.

Das geht: “Rock im Park ist ein jährlich im Mai oder Juni im Volkspark Dutzendteich in Nürnberg stattfindendes Musikfestival und eine Parallelveranstaltung zu Rock am Ring.”

Das geht wirklich: Anarchie total. Die Regeln des zivilisierten Umgangs miteinander sind für drei Tage gestrichen. Laut Flyer ist Rock im Park “das Festival der kurzen Wege”. Dass das nur pure Ironie sein kann, fällt dir auf, wenn du dein Zelt plus Vorräte vom Auto zu einem der sieben Millionen Campingareale schleppen willst.

Das geht gar nicht: Die stundenlange Latscherei zwischen den Bühnen und den Zeltplätzen. Die unglaubliche Masse an Menschen. Das überteuerte Wasser, dass man sich ja doch irgendwann kauft. Das überteuerte Merchandising. Habe ich schon überteuert erwähnt?

Du bist so indie, wenn du dir diese Geheimtipps gibst: Flogging Molly sind wahnsinnig tanzbar. Mach aber bloß nicht den Fehler und stell dich während dem Gig auf sandigen Boden. Staubvergiftung Xtreme!

Machen: Trinken, Trinken, Trinken, Trinken und nochmal trinken. Anders ist Rock im Park nicht auszuhalten. Den Typen mit dem Megafon, das alle zehn Minuten die Titanic-Melodie spielt, töten, wenn du ihn erwischt. Überteuerte Cocktails konsumieren. Dich um die Plätze in der T-Mobile-Relax-Zone prügeln. Dem mysteriösen “Party-Tent” auf den Grund gehen. Einen Casi mitnehmen und das Festival-Radio von Rockantenne am Zeltplatz hören.

Lassen: Dich fragen, warum sich alle Leute so aufführen, als wären sie für drei Tage zu einem menschenfressenden Eingeborenenstamm mutiert. Dich darüber wundern, dass jemand vor dein Zelt gekackt hat. Oder darüber, dass Leute vor einer Dixie-Klo-Reihe über den Bäumen eine Art “Todes-Pendel” (Luftballon gefüllt mit Dreck und Kacke)gespannt haben, mit dem sie versuchen, die ahnungslosen Klogänger zu treffen. Am Silbersee zelten. Der ist sowas wie das offizielle Pissoir. Sonntag nacht ein Dixie-Klo aufsuchen. Es brennt garantiert.

Anziehen: Egal. Die Leute sind sowieso alle dicht.

Das könnte dein Nachbar sein: Eine Gruppe Männer in blauen Metaller-Jeanswesten, sich untereinander im tiefsten Bushland-Bayrisch verständigend, während sie dümmlich kichernd durch diverse Gaskocher-Explosionen andere Zelte mit Fisch-Ravioli garnieren.

Du wachst nachts erschrocken auf, weil: du bist wach. Wer dort schäft, ist wirklich mutig.

[ SOUTHSIDE ]
19. -21. Juni / Neuhausen ob Eck / Take Off Park

Kostenpunkt: 119 Euro.

Headliner und andere: Die Ärzte / Katy Perry / Dendemann / Lykke Li / SKA-P / Clueso / Eagles of Death Metal / Franz Ferdinand / The Wombats / The Ting Tings /

Auffällig: Das Line-Up ist zu 90 Prozent exakt dasselbe wie 2005! Rezession, oder was?

Das geht: “Das Southside ist ein jährlich stattfindendes Musikfestival mit Schwerpunkt Alternative Rock. Erstmals 1999 auf einem ehemaligen Militärflugplatz in Neubiberg bei München wird es seit 2000 in Neuhausen ob Eck bei Tuttlingen im „take-off GewerbePark“, einem ehemaligen Militär- und Flugplatzgelände der Heeresflieger, veranstaltet.”

Das geht wirklich: Toller, erstaunlicherweise völlig unmatschiger Campingplatz mit durch und durch angenehmen Nachbarn. Die perfekte Menge an Menschen, die sich alle lieb haben und gegenseitig helfen. Schön. Ist man schon Donnerstag abend am Start, hat man gute Chancen, direkt vorm Festivalgelände sein Zeltchen aufzuschlagen. Und Nachtruhe wird an dieser Stelle sowieso völlig überbewertet.

Das geht gar nicht: Das Wetter. Ob Hardcore-Sonne (und zwar so, dass es wehtut) oder Mega-Sturm inklusive herumfliegenden Boxentürmen, Zelten und Regen im Weltuntergangsstyle – auf dem Southside sollte man auf jede Wetterkapriole gefasst sein.

Du bist so indie, wenn du dir diese Geheimtipps gibst: Die Eagles of Death Metal gehen um Einiges mehr ab als ihr Name. Und wer ausnahmsweise mal wirklich tanzen will, ohne sich ernsthaft zu verletzen, sollte den Herren von SKA-P einen Besuch abstatten.

Machen: Verdammt warme Klamotten mitnehmen, um im Zelt nicht zu erfrieren – Juni-Nächte können abgefuckt kalt sein. Auf dem Festivalgelände shoppen gehen (weil es nicht nur abgeranzte Hippie-Häkel-Kacke gibt, sondern richtig tolle Stände von Converse bis … äh, ach egal). Chinesische Nudeln essen.

Lassen: Bei über 25 Grad ohne Raumduftspray ein Dixie-Klo betreten. Es wird sich folgendes Szenario abspielen: Tür auf, Geruch wahrnehmen, Kotzen, Tür zu. Sich mit WM-Fan-Schminke das Southside-Logo aufmalen lassen und sich damit den ganzen Tag in die Sonne legen. Und bei Schmerzen jeglicher Art lieber noch ‘nen Schnaps trinken, als zum Sani-Zelt zu laufen. Unfreundlicher geht’s nicht.

Anziehen: Die besten Flirt-Chancen greift man sich als weibliches Wesen mit einem The Clash- oder Sex Pistols-Shirt. Sorgt sofort für Aufregung unter den Indie-Herren, die natürlich alle füher mal total endcoole Punks gewesen sind. Möglicher Anmachspruch: “Uhh, dass ‘n Mädel so geile Mukke hört …”

Das könnte dein Nachbar sein: Der lustige Schweizer, der dir gerne seinen Campingstuhl/Hammer/Frische Unterwäsche leiht und Gitarrist in einer Band ist. Oder Drummer. Wie auch immer, wenigstens Bass spielen wird er auf jeden.

Du wachst nachts erschrocken auf, weil: Jemand gegen deine Zeltwand kotzt.

[ HIP HOP OPEN MINDED ]
18. Juli / Mannheim / Schloss Ehrenfeld

Kostenpunkt: 55 Euro.

Headliner und andere: Peter Fox / Jan Delay & Disko No. 1 / Clueso / K.I.Z. / Marteria / Dennis Lisk / Tony L. & Safarisounds / Jondo

Auffällig: Nicht mehr in Stuttgart. Und was macht Clueso denn bei den HipHoppern?

Das geht: “Das MTV HipHop Open ist eine Hip-Hop-Veranstaltung, das jedes Jahr in Stuttgart stattfindet. Es fand unter Mithilfe von MTV im Jahr 2000 auf dem Gelände des neuen Theaterhauses am Pragsattel erstmals statt. Aufgrund des Besucherrückgangs 2008, den der Veranstalter unter anderem auf die als übertrieben empfundenen Polizeikontrollen zurückführte zieht das Festival 2009 nach Mannheim um. Das “MTV HipHop Open Minded” (so der neue Name des Festivals) wird nun mehr auf Acts eingehen, die ihre Wurzeln im Hip Hop haben, sich jedoch im Laufe ihrer Karriere auch in andere Musikrichtungen weiterentwickelt haben.”

Das geht wirklich: Ich wohne in einem Festival! (Das Schloss ist zwei Häuserblocks von meiner Wohnung entfernt). Es muss geil sein. Punkt.

Das geht gar nicht: dass ich aus diesem Grund keine Freikarte bekomme. Und dass das Ganze nur einen Tag geht.

Du bist so indie, wenn du dir diese Geheimtipps gibst: Also ich fand Marteria beim Bundesvision Song Contest echt fett!

Machen: Sich nicht von den zwei bösen Wörtchen (“Hip Hop”) abschrecken lassen.

Lassen: Alles wird erlaubt sein. Hihi.

Anziehen: Wenig.

Das könnte dein Nachbar sein: Herr M, der gerade nach bayrischen Import-Bier sucht.

Du wachst nachts erschrocken auf, weil: du schon heimfahren musst.

[ CHIEMSEE REGGAE SUMMER ]
14.- 16. August / Übersee / Festivalgelände

Kostenpunkt: 79 Euro.

Headliner und andere: Peter Fox / Jan Delay & Disko No. 1 / Hans Söllner & Bayaman’Sissdem / Irie Revoltés / The Toasters / Ohrbooten / I-Fire

Auffällig: Dass man dieses Jahr wohl nicht an Peter Fox und Jan Delay vorbeikommt. Dass das Festival Geburtstag feiert. Toll: Das Ticket gilt in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Sachsen am Festivalwochenende (von Donnerstag bis Montag) als Bahn-Fahrkarte für die Reise nach Übersee, wegen Klimaerwärmung und so. Doof: Wenn das dadurch gesparte CO2 während des Festivals in Form eines Scheunenbrandes trotzdem wieder in die Luft geballert wird.

Das geht: “Der Chiemsee Reggae Summer (CRS) ist ein Open-Air-Reggae-Festival, welches seit 1994 jährlich im August in Übersee südlich des Chiemsees veranstaltet wird. Es hat sich in den letzten Jahren mit jährlich bis zu 25.000 Besuchern zu einem der größten Reggae-Festivals Europas entwickelt. 2009 werden zum 15-jährigen Bestehen über 40 Musiker erwartet.”

Das geht wirklich: Einen Auftritt ohne das anstrengende Gefühl, sich gerade in einem Boot-Camp (Ausbildungsteil Survival-Training) zu befinden, erleben. Ohne blaue Flecken heimfahren. Tanzen. Trinken. Spaß haben. Und das Ganze ohne selbstauferlegten Stundenplan und “Die Band muss ich aber jetzt wirklich angucken gehen”-Druck. Kiffen, wenn du das Glück hast, jemanden zu finden, der dir was abgibt. Und Matsch! Matsch! Matsch! Matsch! Du campst auf einer Wiese, die den Rest des Jahres fest in der Hand diverser Kühe ist.

Das geht gar nicht: Dass die Anwohner stinknormale Gummistiefel für zwanzig Euro verticken und so Jahr für Jahr an den dummen Hippie das Geschäft ihres Lebens machen.

Du bist so indie, wenn du dir diese Geheimtipps gibst: Irie Revoltés gehen betrunken und in einem Zelt echt gut. Und die Ohrbooten solltest du dir auch nicht entgehen lassen.

Machen: Deinen Kleiderschrank ausmisten und das Zeug, das weg muss, anziehen und/oder mitnehmen. Pro Tag ca. ein Wechsel-Outfit einberechnen. Und da spricht aus mir ausnahmsweise mal nicht die Tussi, sondern die Erfahrung. Den Matsch kriegt nicht mal Vanish raus. Baden gehen. Wenn du dreist bist: Sachen klauen. Niemand wird dich verdächtigen (wegen dem ganze Love and Peace-Kram und so).

Lassen: Der Gummistiefel-Mafia was abkaufen. Oder den Standleuten ihre völlig überteuerten Rastafari-Mützen. Und bloß kein Album von Irie Revoltés mitnehmen. Die sind auf Platte so kacke wie Xavier Naidoo live.

Anziehen: Gummistiefel!!

Das könnte dein Nachbar sein: Wenn’s gut läuft: Ein Reggaeband mit Schweizer-Laternen. Wenn du Pech hast: Ein DJ-Pult, dessen Besitzer sich vorgenommen hat, den Campingplatz die ganze Nacht mit Goa zu beglücken.

Du wachst nachts erschrocken auf, weil: du dir überlegst, who the fuck dieser Mensch mit den Dreads da eigentlich neben dir ist.

<3

<3

9 Kommentare zu “Ehrlicher Festivalguide

  1. * microphoneheart. sagt:

    good good good!
    :D

  2. kuenstlichewelten sagt:

    nice :D

  3. Kadi sagt:

    haha, da werden erinnerungen wach…

  4. Vanessa M. sagt:

    Das trifft’s in etwa haargenau und die Hälfte aller “Lassen”-Punkte hab ich auch schon durch. Super!

  5. Sekt auf Eis sagt:

    werde mir deinen festival-guide ausdrucken, für alle fälle :)

  6. anika sagt:

    ey, hammer. ich bin so dermaßen dein fan.
    hahaha.

  7. anika sagt:

    wohin geht’s denn für dich dieses jahr? werd wohl mal wieder auf’s hurricane (wo lustigerweise genau die selben wetter-bedingungen herrschen wie auf’m southside, wenn auch am anderen ende deutschlands. bis auf den matsch. ohne gummistiefel geh ich da jedenfalls nicht hin.) anzutreffen sein.

    notiz an mich selbst: zu lange klammern zerstören sätze.

  8. Lia sagt:

    Dankeschön :) ich geh nur auf’s hiphop open wegen wenig kohle und so und urlaub geplant und so. obwohl ich eigentlich gar keinen hip hop mag. aber ich wohn’ im festival. und so. siehe beitrag :)

  9. spontanextase sagt:

    super beitrag! (findet man selten) duuu rockst.

    …äh, na ja, obwohl, gut, eigentlich HOPPST du ja eher, schließlich wohnste ja mitten im hoppser-epizentrum.
    auch gut ;)

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