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Lesetipp: „The World Needs Female Rock Critics“ im New Yorker

 

Ich war mal Gitarristin und wollte trotzdem lange Zeit lieber Groupie werden als Rockstar. War ich bescheuert? Vielleicht. Nicht selbstbewusst genug? Auf keinen Fall.

Als Teenager spielte ich natürlich nicht nur Gitarre. Ich war in einer Phase, in der ich ausschließlich Rockshirts trug. Am liebsten von besuchten Festivals mit entsprechendem Line-up. Oder eben von Bands. Den Rolling Stones, den Ramones, den Sex Pistols. Bei einem Beatsteaks-Konzert war ich mit einem T-Shirt von Courtney Love unterwegs. Ich hatte gerade ihre Biografie gelesen und kapiert, dass Mademoiselle zwar durchgeknallt, vor allem aber Frontfrau und ihre Band Hole wahnsinnig inspirierend war. Ein Rockstar.

„Noch eine von diesen Cobain-Bitches, die sich einbilden, wegen ‘nem T-Shirt was von Musik zu verstehen“, sagte ein Typ im Vorbeigehen, als ich mir ein Wasser (Beatsteaks-Konzerte erfordern Wasser) an einem Stand kaufte. Daran habe ich das letze Mal vor zehn Jahren gedacht. Bis mir am Wochenende Anwen Crawfords New-Yorker-Artikel The World Needs Female Rock Critics auf dem Balkon vor die Sonnenbrand-verzierte Nasenspitze gehüpft ist. „Pointing to a photo of Björk on my folder, a passing boy sneered at me, “I bet you don’t even know who she is.”, schreibt sie darin zum Beispiel über eine Begegnung im Schulflur. Damals war sie 14. Es ist nicht ganz dasselbe, aber ich fühle mich verstanden. Crawford redet vom Plattenladen, Gitarrenladen, über Facebook, Twitter, das Internet und das sie eins gemeinsam haben: In Sachen Popmusik sind sie „Bühnen für männliche Skills“:

„Every woman who has ever ventured an opinion on popular music could give you some variation (or a hundred) on my school corridor run-in, and becoming a recognized “expert” (a musician, a critic) will not save you from accusations of fakery.“

Lesetipp: „The World Needs Female Rock Critics“ im New Yorker

 

Das hat sie nicht selbst gemacht. Denke ich selbst manchmal, wenn es um neue, innovative, laute, gute Musik von Frauen geht. Viel zu oft. Ich liebe und bewundere Lorde, aber nachdem ich ihr erstes Album ein paar Mal gehört hatte, googlete ich nach einem potentiellen, männlichen Producer, dem ich instinktiv alle Credits geben wollte. Dass er männlich sein musste, daran gab es irgendwie keinen Zweifel. Wieso eigentlich?

„The First Collection of Criticism by a Living Female Rock Critic”, heißt das neue Buch von Pitchfork-Redakteurin Jessica Hopper, das dem New-Yorker-Artikel wohl die Überschrift (oder die Inspiration dafür) verpasst hat. Das soll nicht heißen, dass die weibliche Perspektive nicht existiert. Man behauptet auch nicht, dass Jessica die erste und einzige ernstzunehmende Musikjournalistin ever ist. „The World Needs Female Rock Critics“ erzählt neben ihr von Sixties-Journalistinnen wie Lillian Roxon und ihrer „Rock Encyclopedia“ oder der ersten The-New-Yorker-Popmusikkritikerin Ellen Willis. Ich denke hierzulande an Clara Drechsler, die in den 80ern die Spex mitgegründet und den Diskussionston über Popkultur und Musik verändert hat.

Nicht nur, weil das Hashtag gut aussieht

Jessicas Buchtitel will sich also verkaufen, klar, aber auch einen Zustand beschreiben. Die Rollenverteilung Groupie vs. Frontmann, Du-trägst-das-Shirt-doch-nur-weil-du-ihn-scharf-findest vs. Musiknerd ist nicht fest, aber etabliert. So etabliert, dass selbst ich tendenziell erstmal misstrauisch bin, wenn ich wahnsinnig gute Musik höre und kein männlicher The-Faktor dahintersteckt, der gleichzeitig, Sex, Drogen und Uschi-Obermaier-Gefühle suggeriert. Das ist bescheuert, ja.

„As an audience, we make a big stink about wanting the truth, but we’re only really interested in the old myths“, zitiert „The World Needs Female Rock Critics“ Jessica Hopper. Und das macht die ganze Sache so spannend: Man fühlt sich selber gleichzeitig angepisst und ertappt, will Anwen Crawford deswegen dauerhighfiven, ihre Überschrift knallrot einkreisen und über alle eigenen Vorurteile 200 Courtney-Love-Biografien stapeln. Weil es unfassbar viele Musikbiz-Heldinnen gibt, die den Titel Girlboss nicht nur verdient haben, weil das Hashtag gut aussieht.

Weiterlesen: The World Needs Female Rock Critics, Anwen Crawford, The New Yorker


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