Der sdbr-Guide to Beziehungen auf ‘nem Festival

Ich stehe auf meinen Freund. Wir sind dreimal gemeinsam umgezogen, das letzte Mal mehrere hundert Kilometer, mit einem Uralt-Schrank in den vierten Stock ohne Aufzug. Wir sind für verboten wenig Geld elf Tage nach Portugal geflogen und haben uns für die letzten 10 Euro im nicht-klimatisierten Zug eine Cola geteilt. Wir haben uns die letzte Tiefkühlpizza in der WG auch damals nachts nicht für ‘nen Zehner abkaufen lassen. Wir haben bei IKEA Matratzen getestet und dann gemeinsam eine erworben. Und eine Couch. Wir haben’s also offiziell geschafft? Nö. Auf dem Melt! musste ich lernen, dass die wahre Bewährungsprobe für eine Beziehung ein Festival bei 30 Grad im Schatten ist. Und die funktioniert ungefähr nach diesem Muster:



1. Ankommen

Das passiert: Ihr sucht Hand in Hand in aller Ruhe mit euren wunderschönen, gutfrisierten Kollegen die Campingplatzecke für die nächsten vier Tage.

Das passiert wirklich: Es fühlt sich an wie damals, als „Herr Der Ringe 3“ rauskam, ich war ungefähr 15. Ich hatte ein Kinodate und war davon überzeugt, dass man nicht über Körperausscheidungen mit dem Typen reden kann, den man gleich knutscht. Ich musste schon während der Werbung aufs Klo, jämmerlich, aber das war keine Option. Frodo tat, was er tun musste. Ziemlich lange. Dann war Pause. Date-Typ nahm meine Hand und ich musste wahnsinning dringend aufs Klo, oh ja, d-r-i-n-g-e-n-d. Frodo machte weiter, quälend langsam auf dem Schicksalsberg. Sein Gesicht war so schmerzverzerrt wie meins. I put the Ring in dringend. Ich teilte seine Qual und brüllte in Gedanken doch „Jetzt mach endlich, du Pisser!“.

Das sagen die anderen: „Ihr seid total süß zusammen.“




2. Warten

Das passiert: Das Gute an einem frühen Festivalnachmittag? Bei 30 Grad endlich mal Zeit, kein 3G und vermutlich wenig Handyakku zu haben. Das Schlechte an einem frühen Festivalnachmittag? Endlich mal Zeit, kein 3G und wenig Handyakku bei 30 Grad zu haben.

Das passiert wirklich: Eigentlich wolltest du die Stunden nutzen, um über deinen zukünftigen Bestseller oder die alles verändernde App nachzudenken. Du hast sogar Papier und Stift eingepackt. Was mit deinem Gehirn passiert, wenn die Sonne ab sieben Uhr morgens auf deinen Kopf brennt, hast du nicht bedacht. Du willst niemanden anfassen und suchst dir lieber ein Spirit Animal, dem du vorübergehend dein Herz schenkst. Es ist schön kühl, schwitzt nicht und du trohnst damit auch noch circa 10 Zentimeter über dem Boden. Liebe ist kein Arschloch, Liebe ist pragmatisch.

Das sagen die anderen: „Wann spielt nochmal Metronomy?“

3. Fotos machen

Das passiert: Man hat Spaß. So viel Spaß, dass man ein spontanes Foto fürs Internet macht.

Das passiert wirklich: Du spazierst bei Sonnenuntergang über das Festivalgelände und der Staub legt sich flimmernd über dein Blickfeld. Du denkst an den Valencia-Filter. Und an Instagram. Du siehst diesen Hintergrund, der so bezaubernd zu deinem frischgefärbten Pastellhaar passt und überhaupt ist heute der erste Zeitpunkt des Tages, an dem du nicht halbnackt mit ‘nem Cocktail in der Sonne zerfließt. Dein Freund beginnt, auf den Auslöser zu drücken, weil er eben der beste Boyfriend ist und trotzdem wird es relativ schnell unangenehm. Natürlich sieht man weder aus wie die Instagram-Mädchen noch wie Beyoncé. Du sagst „Ehm, könntest du vielleicht nochmal?“ und denkst eigentlich „Ey, da müssen wir jetzt beide durch!“

Das sagen die anderen: „Wir gehen schon mal vor, ok?“




4. Tanzen

Das passiert: Der Moment, für den du das alles machst und möglicherweise auch noch ‘nen Batzen Geld dalässt.

Das passiert wirklich: Du wartest auf den Moment, für den du das alles machst. Es ist wahrscheinlich gerade mal 19 Uhr. Da kann man sich ja schon mal vor der Hauptbühne postieren. Irgendwann kommt ein Song, den du schon von FluxFM kennst und überhaupt, die Band ist doch längst durch oder? Die Sonne geht unter. In deinem Kopf treffen sich Koffein, Zucker, Müdigkeit und Endorphine, du tanzt jetzt doch, mit deinen Freunden und deinem Boyfriend und bist dir sicher: Wir als Pizza, das wär ‘ne große Doppelt alles deluxe.

Das sagen die anderen: „Woah, ihr seid echt süß zusammen.“ und du nickst wissend.


Fotos: Gif me your clothes

<3

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