Ich habe in der letzten Woche mit gefühlt siebentausenddreihunderteinundzwanzig Menschen gesprochen. Und behaupte mal, dass jeder Einzelne Wert auf seinen Style legt. Rote Undercuts, tätowierte Mädchenarme, große Brillen, japanische Fächer, bunte Strumpfhosen, zuckersüße Blümchenkleidchen, abgeschnittene Shorts, Designerstücke von 1983, zur Jacke umfunktionierte Regensäcke. Die Bread & Butter ist ein Haifischbecken, in dem jede einzelne Klamotte die Zähne fletscht und ihren Träger zur bestgekleideten Person der Berliner Messe machen will. Doch was macht wirklich guten Style aus?
Keine Ahnung. Schließlich wissen wir nicht, ob die Hipster-, Vintage- und Schicki-Klamottenmasche der Besucher zu Hause noch genauso zelebriert wird. Nehmen wir zum Beispiel mich. Wenn ich in Blümchenkleid und Ankle Boots über den Campus hüpfe, fragen sich die Leute entgeistert guckend, ob Aliens ihre Invasion tatsächlich so niedlich durchziehen wollen. Stehe ich so an einer Mannheimer Hauptverkehrsstraße, wird “Wie viel?”-mäßig gehupt. Wenn ich dasselbe auf der Bread & Butter trage, kommt kein Mensch darauf, mich zu beachten. Weil jedes dritte Mädchen so aussieht. Aus oh so individuell wird Mainstream.
Jogginghosen, Jutebeutel, Jabba The Hutt
Warum trage ich eigentlich gerne Kleidchen und überhaupt nie Hosen? Liegt es am (durch Modeblog-Konsum verursachten) Elfensyndrom – oder vielleicht doch eher an der Tatsache, dass mein Arsch in einer Jeans mit dem von Jabba The Hutt konkurrieren könnte? Genieße ich einfach nur mein Rampensau-Dasein in einer Stadt, in der die Jogginghose der Jutebeutel ist? Und würde ich gerne dasselbe tragen, wenn es hier täglich nur so von Blümchenkleid-Klonen wimmeln würde?
Ein gutes Outfit ist stoffgewordenes Aufmerksamkeitshecheln. In dem Moment, in dem wir beschließen, dass wir bitte nicht so aussehen wollen wie alle anderen, kalkulieren wir mit dem Mittelpunkt. Hoffen darauf. Heimlich. Dass es uns vor Ort dann unglaublich nervt, bespannt oder behupt zu werden, ist pures Understatement. Schließlich kriegen wir das, was wir wollten. Oder waren wir doch zu heftig unterwegs? Zu gewagt für das, was wir als unseren Style bezeichnen würden?
Britneys Naturhaare von 2007
Das Geheimnis ist die Haltung. Wir interviewten in der letzten Woche nicht etwa Menschen, die durchgeknallt durch die Messehallen rannten und nebenbei ihr (aus Britney Spears’ Naturhaaren von 2007 gefertigtes) Vintage-Cape glattstrichen. Sondern die, die gerade echt Wichtigeres zu tun hatten. Und ihre Fächer und Kartoffelsäcke mit einer Selbstverständlichkeit ausführten, die ohne jeden Zweifel zeigte, dass das ihr Ding ist.
Ein Klamottenstück einfach nur durch diese “Widerstand ist zwecklos”-Einstellung zu seinem Eigenen machen – ist es das, was die Gutgestylten von allen anderen abhebt?
Bilder: Rainer / 7daysisaweekend

echt schöner post! ich seh das genauso…jemand der style hat versucht einfach anders zu sein, doch das wiederrum macht die person mainstream. ich kenne das selbst, ich ziehe mich noch recht normal an, doch das wird schon als ‘too much’ angesehen…da fragt man sich, wie intolerant die menschheit bloß ist
lg glampur.blogspot.com
Toller Post! Das ist schon so eine Sache mit der Individualität. Irgendwie will man es (individuell und extravagant sein) und dann wieder doch nicht. Es soll ja immerhin auch Leute geben, die dann auch verstehen und sehen(anerkennen) wie cool und modisch man ist.
Liebe Grüße
Joana
Mich nervt diese Debatte tierisch, weil ich sie oberflächlich finde. Style ist echt so das Unwort überhaupt. Guter Stil ist für mich nicht unbedingt das individuellste Hipsteroutfit, sondern Kleidung, die ausdrückt, was du bist. Und Stil ist tagesabhängig, launenabhängig, typabhängig, trendabhängig… es gibt keinen, der Style HAT, weil es nichts ist, was man für immer und ewig besitzt. Außerdem ist das ja auch alles total subjektiv.
Ich trage gerne Kleidung, die ich schön finde, um
mich selbst schön zu finden. Da greife ich, aufgrund meines phänomenalen Fettarschs, auch lieber zu Kleidern. In Siegen ist das dann schon eine Sensation. Also, das Kleidertragen. Guten Stil hab ich deswegen sicherlich nicht. Die Kneipengäste, die ich in unserem Kuhdorf bediene, finden meinen Stil z.B. regelmäßig zu komisch, weil sie selbst gemusterte Haarreifen noch nie gesehen haben.
Und letztendlich gleicht man sich doch dann irgendwie doch immer der Umgebung an, weil zu sehr aufzufallen, ist ja dann peinlich. Naja, und letztendlich ist Kleidung doch auch etwas funktionales und die Bewertung der selbigen irgendwie lächerlich.
Ok, das war jetzt unzusammenhängend und nichtssagend, ich backe aber auch gerade riiiesige Schokomuffins und bin viel zu voll von rohem Teig, um klar denken zu können.
mindestens genauso gut wie lias artikel ist der kommentar von lea.
und der rohe kuchenteig hat der aussagekraft überhaupt nicht geschadet.