Privatsphäre war gestern, im Moment gilt nur Eins: Ab auf den Präsentierteller! Und ich rede hier nicht nur von uns Facebook-Junks. Ob Frollein GaGa, Miss Perry oder der feine Herr Kanye: Sie alle füllen ihre Facebook-, Blog- und Twitter-Accounts akribisch – und zeigen den Newsmenschen so den ausgestreckten Mittelfinger. Wer will schon lahme öffentliche Statements, wenn unsere Celebrities höchstpersönlich auf allen Social Media-Kanälen Anlass zu Spekulationen geben?
Also werden mühsam irgendwelche Aussagen aus den Weiten des Netzes zur Endverwertung zusammengekratzt. Wenn wir lesen, dass Lady GaGa auf einem Konzert etwas über ihr neues Album verkündet hat, ist die allererste Quelle ein Typ aus der ersten Reihe, der das mal eben auf seine Facebook-Pinnwand klatschte. Und dass alle, die diese “Hey, Jason Trawick hat sie geschlagen und die beiden sind trotzdem noch zusammen”-Sache verbreiten, ihren “lily white southern Louisiana ass” knutschen können, wissen wir einzig und allein dank Britny Spears’ Twitter-Account.
Fernab von Bauchwegstrumpfhosen
Ehrlichkeit hat Hochkonjunktur. Weil es uns besser geht, wenn Brit sich einfach mal auskotzt und Jessica Alba laut Facebook-Album im Urlaub am liebsten ungeschminkt rumläuft. Fernab von Bauchwegstrumpfhosen und Weichzeichner fühlten wir uns mit den großen Glitzermenschen verbunden – und freuten uns insgeheim, dass sie privat sogar ein bisschen mehr auf den Rippen haben als wir. Bisher. Mittlerweile ist es Standard, dass Stars auf Facebook genauso viel von ihrem Wochenende erzählen wie der Max (dessen Freundschaftsanfrage wir bestätigt haben, weil wir in der ersten Klasse auf derselben Namensliste standen). Wir nehmen zur Kenntnis, dass Kanye sich selbst liebt. Und gähnen.
Wo bleibt das Adrenalin, wenn wir nur das erfahren, was wir wissen dürfen? Die Faszination an der ganzen Gossip-Sache besteht darin, weiterzuerzählen, was unsere Lieblingscelebrities niemals in Schlagzeilen-Form über sich lesen wollten. Ausgiebig. Bis aus den kleinen Dellen von Bikini-Madame XY ein ultrafetter Monsterschenkel wird. Mit einer Kraterlandschaft, die selbst den Mond vor Neid aus seiner Umlaufbahn kippen lässt.
Die neue Offenheit?
Wenn auf einmal bereitwillig über halbnackte Tatsachen, die glätteisenverbrannte Stirn und das letzte Essen berichtet wird, müssen wir uns eine neue Quelle suchen. Und liegt näher, als wir denken: Barbara Höfler spricht in ihrer äußerst überragenden Zündfunk-Kolumne “Unzeitgemäße Betrachtungen” [1] über findige Nerds, die die Mailkonten von Kesha, Lady GaGa & Co. um ein paar Nacktbilder und Songideen erleichtern. Und hat mich mit der Frage, ob Code-Knacker und Wikileaks-Menschen die nächste Evolutionsstufe der Paparazzi sind, ernsthaft ins Grübeln gebracht.
Ist das so? Möglicherweise. Was uns zur nächsten Frage schubst: Ist die Sache mit den geleakten Infos wirklich so dramatisch, wie alle sagen? Das Internet zwingt uns nach und nach dazu, unsere Persönlichkeit hinter der schokoglasierten Vorzeige-Fassade zu zeigen – auch wenn wir nicht gerade Weltstars oder Regierungsmitarbeiter sind. Und auf einmal ist da ganz viel Ehrlichkeit. Und mehr Identifikationsfläche, als wir uns vorstellen können. Eine Überflutung mit geheimen Polit-Papieren, zukünftigen Welthits, unfertigen Sextapes, Wer-hat-was-zu-wem-gesagts, ungeschminkten Bildern, heimlichen Stammbäumen, ellenlangen Chat-Protokollen und Brüsten in HD. Packen wir das?
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[1] Weiterlesen: Barbara Höfler: Klitsch klatsch. “Unzeitgemäße Betrachtungen”. Zündfunk-Kolumne vom 02.12.2010 auf br-online.de.
Bild: calleecakes