Frauen sind schon verdammt coole Säue. Also an sich jetzt. Was man der Mehrheit aber noch irgendwie vermitteln müsste: Feminismus ist mindestens so sexy wie sie! Daran arbeitet Sonja Eismann zusammen mit ihrer fabulösen Crew aus lauter wunderbaren Ladies, die den Vögel-dich-schlank-mit-super-Sommerfrise-Heftchen mit einer popfeministischen Blätterbombe namens Missy Magazine Monat für Monat den Kampf ansagen. Wir haben mit ihr pünktlich zum optischen Relaunch über mehr In-Your-Face, die weibliche Blogosphäre und die neue Ausgabe gesprochen …

sdbr: Für alle, die das Missy Magazine noch gar nicht auf dem Schirm haben – beschreibt doch mal in einem Satz, warum man sich das Heft unbedingt in der Zeitschriftenhandlung seines Vertrauens holen sollte …
MM: … weil hier all die Themen vorkommen, die in den üblichen Popkulturmagazinen und Frauenzeitschriften sträflich vernachlässigt werden: Berichte über coole, kreative Frauen und popkulturelle Themen aus (pop)feministischer Perspektive.
sdbr: Ihr stellt das Magazin komplett alleine auf die Beine – und das auch noch in Printform! Wie kommt man dazu, im 21. Jahrhundert nicht etwa mit drei Klicks just another Blogspotweblog zu starten, sondern stattdessen ein unfassbar aufwändiges Magazin aus Blättern zum Anfassen auf den Markt zu werfen? Wen hast du dir dazu mit ins Boot geholt?
MM: Hinter Missy stecken Chris Köver (Hamburg), Steffi Lohaus (noch Hamburg, bald Berlin), Margarita Tsomou (Berlin), und ich, Sonja Eismann (Wien). Die Redaktion besteht aus Chris, Steffi und mir, Marga ist Mitherausgeberin, ist Autorin, leitet die Anzeigenabteilung und kümmert sich um Pressearbeit. Die drei anderen kennen sich aus ihrem Kulturwissenschaftsstudium an der Uni Lüneburg, ich selbst habe Chris bei einem Workshop beim ersten Ladyfest Hamburg (2003) kennen gelernt. Chris hat später ein Praktikum bei De:Bug gemacht und war dann Volontärin beim Zeitzünder, der Jugend-Website von der Zeit, ich war Redakteurin beim Kölner Intro-Magazin. Steffi hatte ein Praktikum beim Musikfernsehen gemacht, anschließend Radio beim Freien Sender FSK in Hamburg und war Redakteurin bei der Kunstplattform The Thing.
Im Herbst 2007 gab ich den Reader „Hot Topic. Popfeminismus heute“ heraus, in dem Chris auch einen Beitrag hat, und Chris lieh ihrer Freundin Steffi über Weihnachten einige Ausgaben der amerikanischen popfeministischen Zeitschrift „Bust“. Daraus entstand dann die Idee, so etwas Ähnliches auch in Deutschland zu gründen. Ich hatte vorher auch schon mit der Idee geliebäugelt, war aber vom immensen organisatorischen Aufwand und dem finanziellen Wagnis, ein eigenes Magazin zu gründen, immer abgeschreckt worden. Chris und Steffi sind einige Jahre jünger als ich und waren da zum Glück weniger zaudernd, so dass wir uns Anfang 2008 an die Planung machten.
Durch Zufall wurden die beiden auf einen Kreativ-Wettbewerb der Internet-Plattform Hobnox aufmerksam, bei dem wir uns bewarben und dann tatsächlich auch 25.000 Euro Startkapital gewannen. Die erste Ausgabe erschien nach langen Vorarbeiten im Oktober 2008 – und da war das ganze Geld dann auch schon aufgebraucht, denn ein hochwertiges Printmagazin ist zwar eine tolle Sache, aber eben auch wahnsinnig teuer.
Wählen, arbeiten und Sex haben, mit wem wir wollen
sdbr: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele junge Frauen in meinem Umfeld “dem Feminismus an sich” eher uninteressiert gegenüber stehen. In meinem Studiengang war das Gender-Seminar nicht mal zweistellig besucht, das Argument dabei war immer: “Ja, hier Gleichberechtigung haben wir doch jetzt schon und so!”. Woher kommt dieses schlechte Image?
MM: Der Antifeminismus hat speziell in Deutschland eine lange Tradition, was – stark verkürzt gesagt – viel mit dem Nationalsozialismus, dem darauf folgenden 50er-Jahre-Biedermeier mit seinen reaktionären Rollenverteilungen und dem starken Mutter-Mythos, der Frauen nur in der Mutterrolle akzeptiert, zu tun hat. Auch in den Medien gibt es immer wieder antifeministische Ressentiments bzw. Hetzkampagnen, so dass es für viele Frauen sehr schwierig gemacht wird, eine positive Haltung zum Feminismus zu entwickeln. Gerade junge Frauen fallen leicht auf die Rhetorik des „Es ist doch schon alles erreicht, wir dürfen wählen, arbeiten und Sex haben, mit wem wir wollen, was jammert ihr also noch“? herein und merken dann oft erst später, wenn deutlich unbegabtere männliche Kollegen im Job mühelos an ihnen vorbei ziehen, weil sie vielleicht mit dem Chef ein Bierchen trinken oder über Fußball fachsimpeln, dass doch noch nicht alles glatt geht.
Auch das Kinder-Kriegen ist so ein Knackpunkt, an dem vielen Frauen klar wird, dass ihre vermeintliche Gleichberechtigung deutliche Grenzen hat – wenn sie nämlich mit dem Kind alleine zu Hause sitzen und danach vielleicht gerade mal Teilzeit arbeiten können, während der Partner relativ ungehindert weiter an seiner Karriere basteln kann.
Außerdem werden Frauen – die eben doch noch ganz anders sozialisiert werden als Männer – schon früh darauf konditioniert, dem männlichen Blick zu schmeicheln und männliche Anerkennung zu suchen. Viele glauben dann, dass das Schreckgespenst Feminismus sie hierfür unattraktiv und untauglich macht.
Aber trotzdem: Wir stellen immer wieder fest, dass es ein großes Interesse an Feminismus unter jungen Frauen gibt und eine Zeitschrift wie Missy bei vielen auf große Begeisterung stößt – mit einstelligen Zahlen, so wie bei deinem Gender-Seminar, haben wir zum Glück nicht zu kämpfen, im Gegenteil! Viele Frauen sind es einfach leid, dass ihnen immer wieder suggeriert wird, es sei alles erreicht und Feminismus sei total uncool, während ihnen links und rechts Geschlechter-Klischees aus der Mottenkiste um die Ohren gehauen werden. Da gibt es mittlerweile zum Glück schon eine große Gegenbewegung, die immer weiter wächst.
sdbr: Welche Ladies würdet ihr im Moment als Role Models des jungen Feminismus bezeichnen? Gibt es sowas heute überhaupt noch?
MM: Es gibt zum Glück immer mehr Frauen, die sich nicht scheuen, sich als Feministinnen zu bezeichnen. Wir wollen da gar nicht unbedingt Einzelne mit Namen herausheben, denn ein Rolemodel kann ebenso eine berühmte feministische Fernsehköchin wie die toughe Omi von nebenan sein, die ihr ganzes Leben alleine auf die Reihe gekriegt hat und sich von keinem Mann hat was sagen lassen.
Trotzdem könnte es nicht schaden, auch hierzlande ein paar coole, eindeutig feministische Role Models wie Kathleen Hanna von Le Tigre oder Beth Ditto von Gossip zu haben, die als selbstbewusste Vorbilder gerade auch für junge Mädchen fungieren können.
Noch mehr gibt es allerdings Frauen, die nach feministischen Prinzipien selbstbestimmt leben, aber trotzdem Berührungsängste mit dem Terminus haben. Da würden wir uns wünschen – und hoffen, auch mit Missy einen Teil hierzu beizutragen – dass es da bald einen entspannteren Umgang gibt.
Ein rein weibliches Kollektiv
sdbr: Auf eurer Seite bloggen hin und wieder Mädels aus der Blogosphäre einen Monat lang als Gaststars. Wie betrachtet ihr allgemein die Situation der bloggenden Frauen in Deutschland? Ganz besonders die Fashionbloggerszene boomt ja – gefällt euch das? Geht da noch mehr? Was wünscht ihr euch?
MM: Uns fällt immer wieder auf, dass die BloggerInnen, die von Mainstream-Medien als interessant und relevant hervorgehoben werden, Männer sind. Es gibt auch die weitverbreitete Ansicht, dass Männer über die „harten Themen“ wie Politik, Wirtschaft, Technologie und vielleicht noch Sport bloggen, während Frauen über trivialen Kram wie Kochrezepte, Mode und Diättipps schreiben. Dem wollen wir mit unserer Auswahl entschieden entgegentreten und so auch die weibliche Blogosphäre fördern. Wobei wir finden, dass jedes Thema relevant sein kann, unabhängig von der gesellschaftlichen (gegenderten) Wertung, die ihm angeheftet wird.
sdbr: Was war das heftigste Erlebnis, das ihr seit der Gründung von Missy im Zusammenhang mit dem Magazin erlebt habt?
MM: Wahrscheinlich eines, das wir bei jeder Heftproduktion neu erleben: Wie erschöpfend es ist, ein Magazin komplett im Do-It-Yourself-Verfahren auf die Beine zu stellen, und wie unglaublich glücklich es gleichzeitig macht, selbstbestimmt und unhierarchisch genau an dem Zeug arbeiten zu können, für das man sowieso brennt. Eine weitere einschneidende Erfahrung war es für uns auch, in einem rein weiblichen Kollektiv zu arbeiten.
Wir haben früher alle mit Männern gearbeitet und unsere jeweiligen Jobs auch sehr gern gemacht, aber die Streit- und Entscheidungskultur ist bei uns eine ganz andere. Klar sind wir nicht immer einer Meinung und es fliegen auch mal die Fetzen, aber es gibt hinterher immer wieder einen guten Weg zurück zu einem so rationalen wie freundlichen Miteinander. Und es läuft nie autoritär oder gar unfair ab.
sdbr: Heute ist das Missy Magazine in einem neuen Outfit erschienen. Gab es einen Cut oder ein bestimmtes Ereignis, nach dem ihr euch sowas gesagt habt wie: Okay, jetzt brauchen wir ‘ne optische Veränderung?
MM: Der Relaunch hatte viele verschiedene Gründe und kam nicht Knall auf Fall, sondern wurde von uns schon lange diskutiert und vorbereitet. Wir waren uns alle einig, dass wir einen neuen Look wollten, der die Inhalte des Magazins auch optisch noch besser transportiert. Also mehr in-your-face, knallig und überraschend. Außerdem kannten wir die Arbeiten von unserem neuen Grafik-Team, Daniela Burger und Hedi Lusser, bereits länger und fanden sie toll. Da waren wir natürlich sehr stolz, dass wir sie mit ins Missy-Boot holen konnten.
sdbr: Vielen lieben Dank für das Interview!
Missy 03/10
Die neue Ausgabe – ab 16. August 2010 erhältlich in allen Bahnhofs- und Flughafen-Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie an gut sortierten Verkaufsstellen in größeren Städten. Oder einfach hier bestellen.
Features
M.I.A.
Sprengt den Mainstream
DOSSIER WOHNEN
Wenn Frauen bauen. Utopien, Pläne und Ideen im Wohn-Dossier
