
Bild: Mad Marv
“Lia, du musst mir helfen”, erklärte die Auserwählte eines Freundes seinerzeit und weil alle interessanten Gespräche so beginnen, hörte ich aufmerksam zu.
“Mister Mosh (Name von der Redaktion geändert) hat doch bald Geburstag und ich hab mir da mal zwei Sachen überlegt, kann mich aber nicht so richtig entscheiden. Was könnte ihm besser gefallen? Eine stinknormale Konzertkarte für seine Lieblingsband oder vielleicht doch eher dieser exorbitant stylish-romantisch Ring, auf dessen Innenseite mein Name und unserer Kennenlerndatum in schräggestellter Schnörkelschrift eingraviert ist, weil das die Unergründlichkeit unserer tiefen Liebe so gut repräsentiert?”
Hört sich nach einem völlig ausweglosen Dilemma an, bei der sie nicht einmal die kleinste Tendenz aus der Entscheidungshölle hätte retten können, was? Insbesondere, weil jeder, der einen Abend mit Mister Mosh verbracht hat, seine zwei Leidenschaften klar benennen kann: Bands und Bier. Viel Bier. So viel Bier, dass irgendwie nie genügend Kohle für die wirklich guten Konzerte übrig blieb. Doch warum zur Hölle überlegte die Dame seines Herzens damals dann ernsthaft, ob sie die Kröten für ein potentiell orgasmisches Liverlebnis nicht vielleicht doch in die Kasse eines Juwelierladens werfen sollte?
Es gibt nahezu keinen Mann in meinem Bekanntenkreis, der nicht mindestens schon einmal mit einer Lady zusammen war, deren G-Punkt in direkter Verbindung mit dem örtlichen Schmuckhersteller stand. Gravierte Nudelmaschinen, gravierte Kettenanhänger, gravierte Armbänder, gravierte Cockringe. Lange Zeit dachte ich, dass die Juwelier-Mafia diversen Mädels mit dem ersten Ohrlochschießen heimlich einen künstlichen Erreger einpflanzt, der sich in Schleimfäden um ihre limbischen Lappen kettet und ihnen seit frühester Kindheit einhämmert: GRAVIERE ETWAS UND DU WIRST FÜR IMMER IN SEINEM HERZEN EINGETACKERT SEIN! UND WENN ES EIN ZAHNSEIDE-ETUI IST! HALLO, G-R-A-V-U-H-U-R!
Schenken ist scheiße anstrengend
Dabei ist die Überlegung, einen gravierten Ring zum ersten Macker-Geburtstag anzuschleppen, doch ungefähr so intelligent wie die Aktion einer Katy Perry, die ihren Bald-Ehemann Russell Brand zum diesjährigen Ehrentag mit einer Raumkapsel ins Weltall schießen lässt. Wenn die Symbolik sofort mit dem Holzhammer zuschlägt und die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben werden: Was soll denn dann bitte noch kommen? Bis der erste Warp-Antrieb tatsächlich von irgendeinem Druffi erfunden wird, dauert es wohl noch einige Jahrzehnte. Genauso wie der Ring zur Silberhochzeit, der zu gegebener Zeit wohl in die Schale zu den anderen Gravur-Produkten gelegt wird, weil sowas dann ja seit mindestens 25 Jahren das Standardgeschenk ist.
Jahrestag, Geburstag, Namenstag, Weihnachten, Ostern: Schenken. Man muss ja irgendwie, macht aber kein großes Ding daraus. Offiziell zumindest. Eigentlich wollte man sich ja gar nichts überreichen und kommuniziert das auch so, erwartet interessanterweise aber natürlich trotzdem das explosivste Etwas, dass das bisherige Konsumverhalten um Längen übertrifft. Jeder weiß es, keiner sagt es.
Ich glaube sogar, dass der Druck, ein wirklich monstermäßig intim-bindendendes Geschenk rauszuhauen, proportional mit dem ständig noch uncooler werdenden Image des Schenkens an sich steigt. Dabei geht es aber gar nicht so sehr um die Austauschhandlung, sondern viel mehr um Wunschdenken (“Wie geil wäre es bitte, wenn er oder sie mir sowas Romantisches/ Riesiges/Sexuelles schenken würde?”) im Zusammenhang mit dieser Bindungssache. Hey, selbst wenn die Nächste unglaublich gut blasen kann, immerhin habe ich ihm einen für die Ewigkeit mit meinem Namen versehenen Gegenstand zukommen lassen, den er bei sich trägt. Dass der auch ganz schnell mal bei Goldankauf24 für die nächste Stange Kippen versetzt werden könnte, wird bei Plänen dieser Art übrigens meistens nicht mit einkalkuliert. Tragischerweise.
Und was machen wir jetzt?
Schenken ist wirklich scheiße anstrengend. Jeder Einzelne erwartet Einiges und tut so, als wäre schon ein Wurstbrot zu viel, weiß aber logischerweise, dass es nicht so ist und steht spätestens beim nächsten Beschenkenmüssen des Schenkers unter Zugzwang. Kein Wunder also, dass diese Überdosis Fake-Understatement verwirrte Menschen scharenweise in die Arme der Schmuckdealer mit Gravurskills treibt. Und was machen wir jetzt? Uns im besten Fall sofort von dem stressigen Film emanzipieren, der einem das Pflichtgefühl einimpft, den oder die Lieblingsmenschen mit Konsumgut vom Feinsten überschütten zu müssen. Und weil das sowieso nicht geht, könnte man ja einfach mal zusammen mit dem verehrten Herrn Dr. Oe einen Kuchen backen. Explodierte Küchen oder die Kerzen, die die Glasur inklusive Servietten abfackeln, haben nämlich garantiert mehr Ewigkeitspotential als jede Edelmetall-Widmung. Ehrlich jetzt.
next goal to life: Gravurskills! (Todsicheres Geschäft!)
Ich habe meinem Freund zum 5. Jahrestag gerade Karten für die Beatsteaks gekauft. Ich bin eine schlechte Freundin und wegen Leuten wie mir wird die Gravurmafia vor die Hunde gehen. Ich schäme mich!
In Köln können sich Hasi und Mausi ja auch ganz individuell ein Schloss gravieren und an die Hohenzollernbrücke hängen. Echt, voll der Insidertipp, macht fast keiner und DAS Zeichen der Liebe. (Aber gut, zum Fotos machen lohnt sich dieser Gravurwettlauf schon, muss ich gestehen.
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