Mister Milchshake

It’s a long way to the top if you wanna rock’n'roll, sagte ich mir vor ein paar
Jahren und beschloss, endlich mal damit anzufangen. Durch eine interessante Schicksalsfügung flatterte mir also erstmal die Info zu, dass ja bald Stadtfest ist. Also das Stadtfest. In bavarischen Kleinstädten mit mittelalterlichem Kopfsteinpflaster schon beinahe sowas wie die rote Pille von Morpheus: Die Fußgängerzone wird dicht gemacht, die Menschen auch. Es fühlt sich komisch an, man kann nachher tendenziell eher weniger rekonstruieren, was passiert ist, aber eins ist sicher: Es wird nie wieder so sein wie davor.
Die perfekte Gelegenheit also, um den Coup seines Lebens zu landen. Ich hatte gerade mit meiner Band unser erstes, die Grenzen der akustischen Wahrnehmung sprengendes Mixtape (oder eher Mix+Tape) aufgenommen und der geneigte Stammleser könnte an dieser Stelle eventuell schon ahnen, was kommt (falls nicht, tut es mir leid, weil ich für alle anderen Loser nicht zu viel verraten will).
Jedenfalls wollten wir unser vor frischfleischiger Kreativität nur so tropfendes Werk natürlich unter die Leute bringen und diese Fest-Sache drängte sich als Gelegenheit ja geradezu auf. Wir brauchten nur noch einen ausgefeilten Marketing-Plan. Also ab zum Großhändler, um sich mal nach ‘nem Pavillon umzusehen, weil ein eigener Stadtfest-Stand ja schon irgendwie was Feines wäre. Sollte schließlich auch nach was aussehen so direkt neben unseren Homies auf der HipHop-Bühne neben dem Mäc. Und dann geschah etwas … Seltsames. Das Licht ging aus, aus der Lautsprecheranlage tönte der passende Beat, die Kunde formierten sich zu schwebenden Gospelchören – und ein Mitglied unserer erfolgversprechenden Combo ereilte folgende göttliche Eingebung: “Hey, wenn wir schon unseren eigenen Stand machen, könnten wir da doch so voll geile Milchshakes verticken!”
It’s gonna be legen … wait for it … dary!
Und wie es das Schicksal eben so wollte, antwortete jemand mit einem lauten “Yeah!”. Eventuell könnte ich die betreffende Person gewesen sein, dieser Umstand ist allerdings bis heute nicht exakt belegt und außerdem stand ich gefühlte drei Sekunden später sowieso schon vorm Kühlregal, weil man ja keine halben Sachen macht. Oder in diesem Fall: Sechs-Liter-Packs Vanilleeis einpackt. Perfekt. Vier Stück in den Wagen. Vanille, Leute? Nur Vanille? Selbst Menschen, die FDP wählen und lautstark Urlaub vom Internet ankündigen, anstatt einfach offline zu gehen und die Fresse zu halten, lutschen Vanille, Mann. Also nochmal vier Exemplare der Sechs-Liter-Packs Schoko dazu. Unser perfider Plan nahm Gestalt an. Aber nur Eis aufmixen kann ja jeder. Also brauchten wir Tiefkühlfrüchte. (Im Zwei-Kilo-Pack, versteht sich.) Einmal Himbeeren. Einmal Cocktailfrüchte. Einmal Waldbeeren. Und wenn wir schon dabei sind – auch noch einmal Erdbeeren, bitte. Der Einkaufswagen war das gefrorene Manifest unserer künftigen Karriere.
Die Gesetze der Physik fanden die Sache allerdings nicht so knorke, weil – FUCK! Das Zeug schmilzt ja! Und jetzt? Okay, sind ja eigentlich nur Kleinigkeiten. Also ab zu ‘nem Kollegen und ihn fröhlich unsere Mütter verfluchen lassen, während wir seinen Kühlschrank leerräumen und ihn in den Kofferraum verfrachten. Also den Kühlschrank. Dass unsere achtundvierzig Liter Eis den Aggregatszustand schon längst in Richtung verdammt unpraktisch geändert hatten, tat dabei nichts zur Sache.
Wir kamen übrigens tatsächlich an unserem geplanten Standort an. Mission erfüllt, Baby. Bis uns auffiel, dass unsere Kiste mit den Mixtapes überall war, nur nicht hier und wir doch eigentlich beim Großhändler waren, um ‘nen Pavillon zu kaufen. Egal, wer braucht sowas schon. Unnütze Deko ist was für Muschis. Wir wollen hier schließlich Milchshakes verkaufen und zwar solche, bei denen die Leute schon während des Glas-Ansetzens sowas stöhnen werden wie “It’s gonna be legen … wait for it … dary!”
Bespritzt und Breithosig
‘N Mixer wäre allerdings schon praktisch gewesen. Und höre ich jetzt etwa ein leichtes Fuck-Kratzen an der blenden polierten Fassade unseres Images? Denkste. Erstmal wurde der Pavillon plus diverse Plastikbecher von der verehrenswerten Muddi eines Kollegens frei Haus geliefert, die erst gar nicht lange gefragt hat, was wir eigentlich mit dem Berg an Rohmaterial vorhaben. Und der Strom für den Kühlschrank? Nichts, was man nicht durch ein Verlängerungskabel und das Nerven der Veranstaltungstechniker von der Bühne gegenüber regeln konnte. Der Mixer? Kam auch noch irgendwo her. Genauso wie die Mixtapes, die an der ganzen Sache ja irgendwie schuld waren. Verdammte Axt. Nun gab es ihn also tatsächlich: Unseren Mix’n'Tape-Stand mitten im Hot Spot des Stadtfests. Und dann … ja, was denn jetzt?
Wir haben keinen einzigen verfickten Milchshake verkauft. Wieso auch? Unser Mixer war nach den ersten paar Selbstversuchen einfach nur, ähm ja, ekelhaft und somit sah der Stand inklusive meiner Wenigkeit plus diverser bespritzer breithosiger Kollegen für Außenstehende wahrscheinlich ungefähr so einladend aus wie ‘ne Penis-Party für Frau Herman. Wir mussten improvisieren. Oder soll ich eher sagen, experimentieren? Nun ja. Irgendjemand mixte sich ‘nen frischen Schoko-Erdbeer-Weizen-Jägermeister-Shake und strahlte glücklich. Den Rest fasse ich aus dramaturgischen Gründen mal kompakt zusammen: Milchshake in der Kiste mit den Mixtapes. Milchshake fliegt Richtung madige HipHop-Band. Wir rufen gönnerhaft “Milchshakes For Free!” aus. (Es will immer noch keiner.)
So stehst du dann da. In einer weißbefleckten Baggy, die dir den hengstigen Charme eines Hobbypornodarstellers verleiht, das gigantomanische Milchschaum-Knäuel im Magen arbeitet sich langsam hoch und ja, ich glaube, dieser Tag hätte nicht größer sein können.
Von Herr M / 28. Jul. 2010 / 23:40 Uhr





→ am 29. Jul 2010 um 18:28 Uhr (#)
Zwar kenn ich die Geschichte ja schon länger, schließlich komm ich ja selbst aus der besagten putzigen bayerischen Kleinstadt, aber es ist und bleibt eine meiner Lieblingsgeschichten.
Also sowas, was man halt zum Beispiel als super Beispiel verwenden kann, wenn man den Satz: “Hey, beschränkt euch doch auf das Wesentliche” mal schnell mit einer 15min Storry-Like Erklärung umschmücken möchte.
Auf die weißen Baggypants möchte ich allerdings an dieser Stelle nicht näher eingehen, das is dann mehr was für die “Style-Abteilung”, und mit der hab ich ungefähr so viel zu tun wie Herr Kachelmann zukünftig mit dem Wetter und die nächsten Monate mit dem Knast.
→ am 30. Jul 2010 um 13:45 Uhr (#)
Danke, ich hab herzlich gelacht, auch wenn ihr in der Situation bestimmt nich zu beneiden wart