Hochglanz

Ich bin jetzt alt genug, um hin und wieder mal gepflegt zurückblicken zu können und zwar ohne dass man mich hinterher nur noch mit einer Staffel Voyager wieder aus dem Schrank locken kann, in den ich mich zitternd verkrochen habe und meine Festivalbändchen zähle, um zu zeigen, wie sehr ich noch in der Front Row des Fünfpromille-Quells der Jugend Platz nehme.
Die Fotoordner wurden also gerade ohne spontane Schreikrämpfe von 2004 bis 2009 durchnummeriert. Der Rest darf sich in die “Hässlich und Alt”-Sektion verpissen, bis man sie mit Vierzig vor Schantülle und Horst-Kevin wieder ausgräbt und sich bei einem Snickers wie Bolle darüber freut, dass man auf den Bildern, auf denen man früher immer wie eine Kreuzung aus Killerqualle und Daniela Katzenbergers linker Silikontitte aussah, doch eigentlich eher wie ein Victoria’s Secret-Model rüberkommt. Ansonsten ist es dasselbe wie bei allen anderen. Warum hatte ich nochmal Sex mit jemanden, der aussieht, als würde er die Evolution rückwärts straight in Richtung Ursuppe durchlaufen? Und wäre ein bisschen Licht beim Schminken eigentlich so furchtbar gewesen?
Das Rascheln der Spinnenpapieralbentrennwände, das sorgfältig dokumentierte Urlaubsspaghettifressorgien voneinander trennte, ist jetzt das Klicken der Maus und es berührt mich nicht. Nostalgisch sein ist nicht mein Stil, also irgendwie, und Vintage-Sachen müffeln so, dass der Geruch selbst nach einem Döner-Taschen-Transport bleibt, ist euch das mal aufgefallen? Mit Ordnerbetitelungen wie 2007-09-04: Kaffeetafel bei Vincent-Theodor zwecks erfolgreich abgelegter Führerscheintheorieprüfung kann ich ebenfalls nicht dienen. Was in meinen Ordnern liegt, brüllt Hallo, Belanglosigkeit aus jedem seiner Pixel und ach ja, richtig, damals, im Studio, ein Kanister mit “Defegt” drauf, höhö, lustig, narzisstische, von schräg oben fotografierte Selbstporträts mit Brustansatz für MySpace, unzählige Bytes mit verwackelten Bühnen, Bands, Bars und Campingstühlen. Ähm ja, hier, Jugend und so, guckt mal alle, ich war dabei, ich war hier, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Been there, done that. Dankeschön, der Nächste bitte.
Von den richtig guten Momenten, den entscheidenden Taten, von den wundervollsten Menschen und der hundertprozentigen Intensität gibt es keine Bilder. Vom ersten Mal Libertines im Ohr, dem mit Pornoplüsch ausgelegten Nothotel im niederländischen Nirgendwo, wenn man vor Glück kotzen könnte. Keiner denkt daran, die Situation einzufangen, weil sie entweder so selbstverständlich ist oder so schockierend, dass die Kamera scheißegal ist. Dabei hätte Einiges durchaus ein Hochglanz-Editorial verdient, ein bisschen wasted, ein bisschen versaut müsste es sein, freies Mittagessen, finale Weisheit, Berichterstattung, Augenblicke, ihr wisst Bescheid.
Von Lia R / 26. Jul. 2010 / 6:31 Uhr





→ am 26. Jul 2010 um 16:38 Uhr (#)
schön