
Ich bin vermutlich nicht mehr das, was man als gutes Mädchen bezeichnen würde. Ich dusche morgens in Sarkasmus und Zynismus ist das Peeling, dass sich währenddessen Tag für Tag in meine Poren frisst. Tierärztin war gestern, heute würde ich höchstens noch Voodoo-Priesterin in eventuelle Poesiealben eintragen. Wozu ich praktisch natürlich nie wieder kommen werde, weil ich den Kontakt mit fremder und doofer menschlicher Spezies so gut es geht vermeide. Smalltalk in der Bahn widert mich an, dass mich die Arzthelferin mit Namen begrüßt, wäre für mich eigentlich schon ein Grund, die Doktorista zu wechseln und dem Kollegen wünsche ich aufgrund seiner nervenzerfetzend-euphorischen Schönen-Tag-nochs einen kleinen Treppensturz.
Was fällt uns auf? Ihr könnt euch noch so sehr bemühen, ich halte die vielbeweinte deutsche Arztbesuchsstatistik am Limit. Außerdem wünsche ich anderen Leuten gerne mal Schlechtes und das mehr oder weniger grundlos. Was heißen könnte, dass ich böse bin – aber nicht von Grund auf. Also, wie konnte es so weit kommen? Und was ist eigentlich passiert? Wahrscheinlich nicht viel mehr als das, was eben so läuft. Man arbeitet und lernt, dass die Sache beinahe wie im Sandkasten läuft – nur, dass die Arschlöcher jetzt folgendermaßen eingeteilt werden können: Es gibt die Leute, die dir die Schaufel, äh, den Kuli wegnehmen, um dir den Kuli weggenommen zu haben und dann damit ein zweihundertseitiges Gehirnwichse-Essay über ihre grenzenlose Geilheit schreiben. Und dann gibt es noch die Leute, die dir den Kuli zwar auch wegnehmen, ihn sich dann aber genüsslich in den Arsch schieben und wieder permanent auf ihrem Bürostuhl Platz nehmen.
Meine Ex-Kollegin, nennen wir sie Selma, weil irgendwie auch hier rüberkommen muss, dass ihr Name genauso fett und übertrieben war wie sie selbst, darf man gerne als Paradebeispiel dieser Schublade anführen. Sie war eine hartnäckige Nervmaschine, die den ganzen Tag dank eines unsäglichen Browsergames Luftballons auf ihrem Monitor zerschoss, ihre Inkompetenz schon durch reines Teeschlucken ausdrückte und währenddessen ihre Arbeit gönnerhaft auf den untergebenen Rest verteilte.
Oder mein Ex-Chef, den ich hier mal aus diversen Hommage-Gründen liebevoll als Schweinekotze bezeichnen werde. Normalerweise findet man ja an jeder noch so verkorksten Existenz irgendetwas, dass deren bekacktes Wesen rechtfertigt, aber selbst mit kilometerlangem zeitlichen Abstand kann ich immer noch nichts anderes über ihn sagen als: Der Typ hat einen schlechten Charakter. Durch und durch. Und das ist krass, weil ich das über so ziemlich keinen Menschen behaupten würde, den ich bisher kennengelernt habe.
Jedenfalls habe ich mir beinahe drei Jahre lang hart gewünscht, dass die beiden leiden. Fuck Yeah, ich wollte Rache. Oder viel mehr: Gerechtigkeit. Aber das ist ja bekanntlich etwas, woran Leute im Anfängerlevel glauben. Und vielleicht war ich deshalb so überrascht, als mir ein Insider zuflüsterte, dass Selma gefeuert wurde, während Schweinekotze im Dreimonatstakt die Anstellungen wechselte. “Siehst du, bei solchen Leuten muss man nur geduldig abwarten, bis sie sich mit ihrer bescheuerten Art selbst ins Aus manövrieren”, meinte meine Unileidensgenossin nur, als ich ihr hysterisch zwischen Kaffee Drei und Vier die Resultate meiner unbewussten Voodoo-Verbindung zur dunklen Seite der Macht schilderte (und den Treppensturzwunsch-Kollegen beinahe vorwarnen wollte). Ich sollte jetzt wahrscheinlich 24/7 zeichentrickfieslingmäßig lachen und dann weiter meine Stricknadeln abstauben, aber warum eigentlich? Selmas und Scheinekotzes miese Perspektiven beruhigen zwar im ersten Moment, das war’s dann aber auch. Und wahrscheinlich ist das auch völlig okay und überhaupt, ich sollte die Arzthelferin das nächste Mal wohl doch irgendwie angrinsen, schließlich kann sie ja nichts dafür.
Ausgleichende Gerechtigkeit, ist das was für euch? Badet ihr gerne mal in der Erfüllung eurer Rachegelüste? Und darf man sein Karmakonto eigentlich kurz negativ belasten, weil man sich sehnsüchtig wünscht, dass diejenigen mit den Überminuspunkten das bekommen, was sie verdienen?

Ich finde, das Selma und Schweinekotze richtiggehend Archetypen sind für das, was schief läuft (klingt ja mal verdächtig nach “Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf”). Ich für meinen Teil hatte die beiden schleimigen Hackfressen jedenfalls direkt vorm inneren Auge. Auf dem inneren Kieker. Quasi im Mittelpunkt meines kleinen Über-Ich-Fadenkreuzes.
Widerlich. Und omnipräsent.
Oh, große Lia, ich verneige mein Haupt, gehe aufs Knie, lehr mir die hohe Kunst des Voodoo!
Hach … ich sehe schon, wir verstehen uns! Die hohe Kunst des Voodoo … hmja … ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll, weil es für dich noch oh so viel zu lernen gibt, mein junger Padawan …