
Gestern Nacht war ich länger wach als geplant, weil ich dringend
herausfinden musste, was mich an einer Band wie den Sportfreunden Stiller denn bitte damals so geflasht hat. Dass ich sofort wieder den nostalgischen Geruch von Directions-Glibber, Parkgras und Chucksstoff in der Nase hatte, nur weil ich zufällig irgendwo “Frühling” gehört habe, kam nämlich irgendwie unerwartet. Natürlich ist das besser als, ähm, Tocotronic, aber trotzdem strange genug.
Ich meine, ich habe mir die Sportis-Songs damals ja nicht mal aus frühpubertärem “Ich entdecke jetzt die deutsche Indie-Szene”-Geist reingezogen, sondern trotzig und anti. Und vor allem mit Wut im Bauch. Das ist jetzt wohl ein Geständnis, aber wir sind ja unter uns und so und deswegen kann ich ja mal ein bisschen ausholen.
Ich stand also fünfzehnjährig, grünhaarig und ja, liebe Perverslinge: mit kurzem Rock eines Abends mal vor einem der superbesten Jungs und frage ultrabeiläufig, was er denn davon halten würde, wenn wir alle mal auf ein endcooles Konzert von dieser endcoolen Band namens xy gehen würden. Die Szene lief ungefähr so ab: Mein Teenie-Me so “Hey, wäre das nicht eine endcoole Sache mit dem xy-Konzert?” und er so “Nö, weil ich geh schon auf ein Sportfreunde Stiller-Konzert” und mein Teenie-Me wieder so (denkend) “Was macht denn diese verfickte Drecksarschband bitte so unglaublich viel endcooler als xy?”. Dann trank ich noch ein Augustiner und vergaß die Sache.
Die mentale Kotze kam mir erst wieder hoch, als ich irgendwann in meiner Bettwäsche hing und versuchte, einzuschlafen. Auf MTV lief “Ans Ende denken wir zuletzt” zu den bescheuerten “Hi, ich bin ein deutscher Film”-Szenen mit der noch bescheuerteren Nora Tschirner. Mein Atem stockte und wie vom Blitz – oder eher von Peter Bruggers bavarischen Anti-Singstimme – getroffen sprang ich auf und begab mich stocknüchtern zu meiner Platten-, okay, zu YouTubes Plattensammlung. Tippte Sportfreunde Stiller in das kleine Feld ganz oben und gröhlte vier Monate später “7 Tage 7 Nächte”, “Tage wie dieser”, “Wellenreiten” und das unvermeidbare “Ein Kompliment” auswendig mit. Wo? Na, auf dem Konzert mit den Superbesten natürlich, ihr Doofis.
Was fällt uns also auf? Eigentlich kann ich gar nichts dafür, dass sich die Sportis klammheimlich dazu berufen fühlten, die Lyrics meines Teenie-Mes zu kreiren. Das haben die von ganz allein gemacht. Guten Morgen, jetzt ist Schluss, die tanzlosen Tage sind vorbei. Ich finde wieder die richtigen Worte, ich treffe wieder den richtigen Ton. Kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute morgen. Ach, könnt ich doch die Zeit vordrehn. Du musst es laut anhören und deine Nachbarn stören. Vielleicht sollten wir, oder vielleicht nicht. Es ist nicht die Zeit für Bedenken. Es wird schon gut enden. Denn, du und ich und sonst noch ‘n paar Leute, wir sind auf der guten Seite. Wir haben all zu viel erhofft und leider nichts getan, wie so oft, in all den wunderbaren Jahren. Hach. Das ist ja irgendwie fast schon wieder unheimlich bis poetisch, oder?

You gotta love Sportis! Die einzige Band bei der ich mitsingen kann und besser bin als der eigentliche Sänger.