Polka Dots

Seit Monaten laufe ich als personifizierte Nachbildung der H&M-Pünktchenstrumpfhose durch die Gegend. Dazu müsst ihr wissen, dass mein Immunsystem eine hyperaktive Hure ist und eines schönen Tages fröhlich begann, meine Haut zu verunstalten. Was erstmal nicht weiter schlimm ist, aber trotzdem unglaublich scheiße aussieht (tut mir leid, wenn ich jetzt alle sexuellen Fantasien über mich zerstört habe, aber wir sind ja hier schließlich nicht im Baumarkt). Und weil ich das Vergnügen hatte, für diese Erkenntnis einmal quer durch die Wartezimmer der Stadt zu tingeln, gibt es nun Großartiges, Hochhackiges und Knallpinkes aus der Welt der Sterilität.
Da wäre zum Beispiel der mysteriöse “Sie sind also zum ersten Mal hier in unserer Praxis”-Fragebogen, der zwar weniger aus dir rauskitzeln will als Facebook, aber es reicht. Vögeln Sie ordentlich und das gerne mal ohne Gummi? Könnten Sie bei genügend Vorbau aufgrund der Krankheitsbiographie Ihrer Familie bis in die Top Ten von DSDS aufsteigen? Kennen Sie sich mit BlackJack und Nutten aus? Und wenn ja, warum? Sind Ihre Eltern fett und Sie es dann womöglich auch?
Und so weiter. Bis man das “Wir konsumieren ja nichts Illegales- und Sie so?”-Feld mit den üblichen Informatioen (2 Beutel Gras, 75 Kügelchen Mescalin, 5 Löschblattbögen extrastarkes Acid, ein Salzstreuer halbvoll mit Kokain, ein ganzes Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers [...] einen halben Liter Äther und 2 Dutzend Poppers [1]) vollgekritzelt hat und zu der leidigen Alkohol-Frage kommt.
Ich meine, ich trink halt gern amal a Weizen und deshalb kreuzte ich beim “Alkohol?”-Punkt auch brav “Jep” an. Was zur Folge hatte, dass mich die erste Frau Weißkittel mit einer Diagnose á la Sangria-Akne (“nicht indentifizierbares Dings, ein bisschen Cortison, dann isset wech!”) und dem freundlichen Verweis zu der AA-Filiale in der Nähe entließ – und ich glaube mal nicht, dass sie damit American Apparel gemeint hat.
Da meine Haut aber das Cortison zum Anlass nahm, mir mal so richtig zu zeigen, wer hier eigenlich das dickste Organ ist, befand ich mich eine Woche später beim nächsten Spezialisten für ekligen Ränce. AA und DSDS-Potential standen dieses Mal nicht zur Debatte, nach ein bisschen Small-Talk über mein unmögliches Studienfach teilte mir der Herr Doktor allerdings leidenschaftlich mit, dass mein Lebensentwurf in Richtung Rudi Dutschke meets Lindsay Lohan gehen würde und vergaß darüber doch glatt den eigentlichen Grund meines Besuches. Schade eigentlich.
Natürlich könnte ich jetzt noch hunderte solcher Anekdoten raushauen, doch da ausgerechnet eine ziemlich sexuelle Doktorista mit Heels und Wallemähne mit ihrem Magic-Skalpell die richtige Diagnose (Immunsystem = Biatch) stellte, kommen wir lieber gleich mal in der Praxis an, die ich heute liebevoll als mein zweites Wohnzimmer bezeichne. Und glaubt mir, Leute: Der Leidensweg eines Dauerpatienten ist hart. Da wären zum Einen rotgesichtige Kleinkinder, die es schaffen, unter den entzückten Blicken der stolzen Eltern von 8:00 bis 9:00 Uhr in einem kaffeelosen Raum durchzubrüllen. Oder sabbernde Mittvierziger, die du mit deinen beiden Argumenten schon vollends überzeugt haben scheinst.
Vorläufiger Lichtblick: Die Arzthelferinnen der Doktorista, die mich eines Tages mit einem gelöstem Lächeln statt dem üblichen “Geh weg, du widerlicher Parasitenherd”-Gesichtsausdruck empfangen haben. Neben ihren brandneuen knallpinken Einheitsshirts mit angepapptem Praxislabel plus Dekolleté und Dauergrinsen lief entspannte Lounge-Mukke im Hintergrund, es gab Gin Tonic und Koks for free und dann begannen alle, sich langsam zu befummeln. Ich war angetan und dachte mir sowas wie “Hey, Relaunch, gar keine so schlechte Idee, Frau Doktorista”, bis ich beim Rausgehen auf dem Öffnungszeiten-Schildchen “Freitag: Privatpatienten-Sprechstunde nach Vereinbarung” las.
Dass man sich also jetzt auch schon als Arzthelferin bei zahlungskräftiger Kundschaft in Trinkgeldtops wirft, beeinflusste mich auch noch beim nächsten Besuch Anfang der Woche in gewohnt heimliger Aggro-Atmosphäre. Geistesabwesend reichte ich mein Kassenkärtchen über die Theke, was mit einem geraunten “Guck mal, das ist die” in Richtung Kollegin quittiert wurde. Ich lächelte und winkte und werde wohl demnächst mal einen Heilpraktiker ausprobieren. Falls ich mit einem Baum den Beischlaf vollziehen oder den Namen der Praxis tanzen muss, sage ich Bescheid.
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1 Wer den Ursprungsort der sich hier bereits bewährten Zitats findet, hat eine weitere Chance auf Nacktfotos der Protagonisten. Ihr kennt das ja.
Von Lia R / 13. Mai. 2010 / 17:14 Uhr





→ am 13. Mai 2010 um 17:20 Uhr (#)
Fledermausland. Wieso wird heute überall über das Fledermausland gebloggt?
→ am 13. Mai 2010 um 17:22 Uhr (#)
Muss an den Drogen liegen.
→ am 13. Mai 2010 um 22:54 Uhr (#)
Irgendwie scheint das Cortison die Wunderwaffe der Hautärzte zu sein. Ich musste das zeug auch mal nehmen. Es hat auch super geholfen aber die Nebenwirkungen sind manchmal schon nicht ohne.
→ am 14. Mai 2010 um 01:43 Uhr (#)
Du hast eine sehr interessante Art zu schreiben, das gefällt mir. (Auch wenn das Thema für dich bestimmt weniger vergnüglich war.)
→ am 15. Mai 2010 um 10:57 Uhr (#)
Hab ich hier was von Drogen gelesen?
→ am 15. Mai 2010 um 15:00 Uhr (#)
Nein, das muss ein Irrtum sein.
→ am 17. Mai 2010 um 01:02 Uhr (#)
Stichwort Drogen:
Wenn dir einer blöd kommt, dann musst du denen NOCH blöder kommen!
→ am 17. Mai 2010 um 01:22 Uhr (#)
Tsssss. Bemitleidet mich lieber mal ordentlich, anstatt von Drogen zu reden
→ am 17. Mai 2010 um 02:27 Uhr (#)
Das Zitat hat mein Herz sehr sehr erfraut. Musseste nachschlagen oder wusseste es aus dem Eiterherdkoepfchen?
Hauptsache, es wird wieder besser. Bald. Am besten schnell. Aber schnell scheint’s ja irgendwie nicht zu gehen. Scheissendreck! Denn das Aktfotoshooting findet doch sicher erst nach der Genesung statt, oder?
→ am 17. Mai 2010 um 14:25 Uhr (#)
Ach, wofür wurde schließlich Photoshop erfunden … und natühüürlich kann ich sowas auswendig, gehört doch quasi zum Allgemeinwissen