I Dance For Food

Wer glaubt, dass ein schonungsloser Schwanzvergleich in der Umkleidekabine der D-Jugend hart ist, hat noch keinen Tag im Leben eines Teeniemädchen verbracht: Glaubt mir, Leute, in den Jahren zwischen neun und dreizehn kann schon mal ein Satz ausreichen, um das Leben einer Durchschnittslady bis in die Hipstertwenties hinein zu ficken.

Eine meiner bildhübschen Schulfreundinnen war jahrelang darauf bedacht, sich anderen Menschen so wenig wie möglich von der Seite zu zeigen, weil in der Sechsten irgendwer in einer Diskussion die “Schau disch mal an”-Trumpfkarte á la “Du mit deinem Muttermal auf dem Nasenflügel brauchst gar nicht reden” gezogen hatte. Und eine liebe Ex-Unikollegin mit Skinny-Jeans-Maßen, die jeden Indie-Band-Hungerhaken neidisch gemacht hätten, hielt sich für absolut Rock- und kurze Hosen-untauglich, weil früher jemand mal was über ihre Oberschenkel gesagt hat.

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Bild: D Sharon Pruitt 

Versteht mich nicht falsch. Keine der beiden Ladies gehörte zu der Sorte
Emos, die schon immer gerne mit gesenktem Haupt in unförmigen Pullis herumgeschlichen sind, sich am liebsten in dunkle Ecken verzogen oder hysterisch die Flucht ergriffen haben, sobald sie jemand auf der Straße anhustet. Trotzdem bohrten sich diese scheinbar lachhaft-winzigen Diss-Kommentare so lange in ihre schnieken Köpfchen, bis ein Komplexturm im XXL-Format errichtet war.

Und wir wären natürlich nicht sdbr, wenn wir nicht auch ein Beispiel aus Celebristan am Start hätten: Da gab es ja mal diese Story mit Lady GaGa, die beleidigt auf Nulldiät umgestiegen und bei mehreren Konzerten zusammengebrochen ist, weil ihr Management rumposaunte, dass man sie beim Dreh zu “Paparazzi” aufgrund ihrer angeblichen Schwarten nicht von allen Seiten filmen konnte.

Ich möchte nicht pauschal sagen, dass das ein typisches Pussy-Phänomen ist, weil ich im Gender-Seminar gelernt habe, dass das gay ist. Trotzdem kann man mit gutem Gewissen behaupten, dass wir Mädels geschichtlich schon tendenziell eher vorbelastet sind: Jahrzehntelange ungerechte Futterverteilung, in denen erstmal die Penisträger mit Fleisch vollgestopft wurden, damit sie auch ja “groß und stark werden”, weil selbiger Effekt bei den Ladies jahrelang vermieden werden sollte, Schönheitsideal-Blah, und so weiter (= Liebe Jungs, in dieser Hinsicht gewinnen wir jedes Battle, strengt euch also gar nicht erst an.)

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Bild: Moni Haworth via AMY&PINK 

Doch spätestens seit der Brigitte-Aktion wissen wir ja, welche
Assibranche eigentlich dafür verantwortlich ist: Die oh so fiese Fashionindustrie mit ihren knochigen Kleiderständern, die unter dem Etikett “Models” über den Laufsteg geschickt werden. Aktuell wieder heiß diskutiert: Die Fotos von Margaux Lonnberg als Endlich-mal-wieder-ein-Vorzeige-Gruselbeispiel, die gerade durch die virtuellen Räume geschoben werden.

Klar, der perfekt gephotoshoppte TV- und Cover-Druck auf die Teeniemädchen von heute ist knallhart – was aber noch viel schlimmer ist als Modediktat und Medien, ist das eigene Umfeld. Wenn die Mama pausenlos die Diätrezepte aus der oh so ohne Models-Brigitte rezitiert. Deinen Bruder mit Bratwurstsemmeln vollstopft und dir gleichzeitig bei einer Gurkenscheibe predigt, dass Mädels sich gar nicht erst angewöhnen sollten, scheunendreschermäßig reinzuhauen.

“Zwei Brezen würde ich ja niemals schaffen”

Wenn dir vorgelebt wird, dass Cola light das einzige limoartige Getränk ist, dass Ladies zu sich nehmen dürfen. Deine superdünne Schwester ständig “Ich bin so fett”-flennend vor dem Spiegel steht, damit sie mindestens dreimal täglich Bestätigung nach dem Motto “Duuhuuu doch nicht!” einsacken kann.

Oder wenn man einfach mal bedenkt, dass sogar ich, nur weil drei Mädels in der Bahn lautstark ihre kohlehydratfreien “Schlank im Schlaf”-Diäterfolge feiern, sofort schuldbewusst an die genüsslich nachts um zwei verspeiste Spaghetti-Monsterportion denken muss, obwohl ich nicht fett bin und auch nicht pummelig, verdammt. Dass ich mich irgendwie schlecht fühle, wenn eine der von Meredith Haaf hier so überragend beschriebenen Hungermanagerinnen mein Futter Jennifer Aniston-like mit “OMG, krass, also zwei Brezen würde ich ja niemals schaffen” kommentiert.

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Bild: D Sharon Pruitt 

Ach ja, nicht dass hier fälschlicherweise der Eindruck entsteht, dass das
hier ‘n Plädoyer für dicke Menschen wird, nur weil ich positiv über Essen schreibe. Sorry, aber Kugelmaße sind genauso ungeil wie Knochen und ich würde mich in keinem der beiden Zustände wohlfühlen. Jeder darf mit seinem Körper machen was er will, aber ich will nicht fett sein und nicht hungerhakig aber auch nicht pummelig und schon gar nicht knochig. Sondern eine heiße trainierte Superbitch, oh ja.

Deshalb geht dieser Text weder an die eine, noch an die andere Seite, sondern an alle Ladies zwischen Margaux Lonnberg und Beth Ditto, die Nahrungsmittel nicht zertexten, sondern selig die Fresse halten, weil sie gerade mit Kauen beschäftigt sind und das Wichtigste nicht vergessen haben: Essen ist verdammt sexy.

Von Lia R / 12. Apr. 2010 / 1:33 Uhr

 

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Kommentare zu I Dance For Food

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  1. Chris

    → am 12. Apr 2010 um 02:35 Uhr (#)

    “Ich möchte nicht pauschal sagen, dass das ein typisches Pussy-Phänomen ist, weil ich im Gender-Seminar gelernt habe, dass das gay ist.” :D made my day. night. whatever.

    Ansonsten: Genau meine Meinung. Wollt ich auch schon lange mal zu Papier (aka wp-admin) bringen.

  2. Tobi Tobsen

    → am 13. Apr 2010 um 12:39 Uhr (#)

    yeah, killer text hast du da raus gehauen..!

  3. Maja

    → am 14. Apr 2010 um 22:37 Uhr (#)

    Wow, du schreibst mir wie geölt von der Seele O_O

  4. Lia R

    → am 20. Apr 2010 um 18:34 Uhr (#)

    Danke, ihr Lieben :)


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