Die Sonne ging auf, der Wind sang in den Bäumen, ein Reh pupste vernehmlich und ich tat meinen ersten Schritt in die unendlichen Weiten der Web 2.0-Welt. Oder so.
Meine digitale Geburt fand unspektakulär in Form eines studiVZ-Accounts statt und war anno 2007 dank des Windows 98-Redaktionsrechners äußerst langwierig und schmerzvoll. Zwotausendandwhat? Ja, richtig gelesen, ich oute mich hiermit als Paradebeispiel eines Social-Media-Spätzünders, für den Perez Hilton lange Zeit der einzige Blogger im Universum war.
Bis ich irgendwann Lena (Namen von der Redaktion geändert, aber nur leicht) entdeckte – und dass ich in den nächsten Absätzen ein bisschen auf Acne-Alice im Modebloggerwunderland machen muss, müsst ihr mir verzeihen, ich war damals halt wirklich fasziniert.

Lenas Blog-Konzept war logischerweise gänzlich promifrei und schien hauptsächlich
darin zu bestehen, Bilder von ihr höchstpersönlich zu posten. Ein Phänomen, dass ich bisher nur von den Profilen einschlägiger MySpace-Emo-Mädchen kannte.
Von schwarzen Hängeponys und Kirschen-Vans war Lena allerdings meilenweit entfernt. Trotzdem verfasste sie ihre virtuellen Zeilen auf einem ähnlich … sagen wir mal improvisiert anmutenden Layout. An diesem Tag schrieb sie über den Inhalt ihrer ersten Bestellung bei Topshop, was schon ziemlich heftig für eine durchschnittsabgeranztgekleidete Pussy wie mich war, die damals noch nixgut.de für den einzigen ernstzunehmenden Online-Shop ever hielt. Nun ja. Reden wir lieber nicht mehr davon , schließlich bin ich heute eine heiße durchgestylte Superbitch.
Genug Stoff für eine kleine Coming-of-Age-Biografie?
Es war damals übrigens gerade acht Uhr zweiunddreißig und weil alles gelaufen war und das Meeting erst um kurz nach zehn begann, riskierte ich alles und klickte auf “ältere Einträge”. Bis zur Planung für den nächsten Tag hatte ich zwar keine nennenswerten Themen, dafür aber genug Stoff für eine kleine Coming-of-Age-Biografie gesammelt: Lena wird bald achtzehn und freut sich wie jedes Kaffkind verständlicherweise übelst darauf. Sie geht noch zur Schule, hasst Mathe und Physik, backt leidenschaftlich gerne und würde später am liebsten was mit Mode machen.
Sie hat gerade zu wenig Kohle, wegen der Spiegelreflex und Topshop und sowieso, ein kleiner Nebenjob wäre also nicht schlecht – vielleicht ja sogar bei H&M? Soll ja Prozente geben und weil sie in der Freistunde sowieso am liebsten mit ihren beiden BFFs dort vorbeischaut (das Bikini-Gruppenbild aus der Umkleide von gestern ist zwar zweifelhaft, weiß sie ja selber, “oder was meint ihr?”), wäre das doch eigentlich wunderbar. Obwohl, einer der beiden Ladies könnte sich bald um ihren Best Buddy-Status bringen, weil sie auf den Parties im xy immer knülle mit irgendwelchen Typen abhaut und das stresst doch einfach nur.
Apropos Stress, den hat Lena gerade auch mit ihrer Mutter, weil die aus UK eintrudelnden Onlineshop-Pakete langsam Überhand nehmen, und sie weiß ja eigentlich selbst, dass Mama recht hat, aber … to be continued.

Jetzt würdet ihr mich gerne fragen, ob ich Wayne kenne, weil den Lenas
Lebensgeschichte doch viel mehr interessiert als euch. Aber das glaube ich euch nicht. Viel mehr wette ich, dass die Hälfte von euch gierig die nächsten Absätze nach dem passenden Link zur Story absucht. Geben wir es doch einfach mal zu: Viele der sogenannten plusminus-Outfit Diaries sind das perfekt-erweiterte Stalking-Fressen für alle, die genauso viel Zeit in die Online-Welt investieren wie Farmville-Junkies, aber keinen Bock auf Farmville haben.
Ganz im Gegensatz zu den gerade heiß diskutierten superglatten Facebook-Identitätsmanagern, die nur aus digitalen Schokoladenseiten bestehen zu scheinen, bieten nämlich gerade die Mädels, die auf Blogspot nicht nur ihre Outfits, sondern ihre Geschichte auf dem Silbertablett servieren, das vermeintlich echte Leben. Mit Gefühlen, Kitsch, Plänen, Wünschen, Trennungschmerz, Bad Hair Days, Träumen, Ziele, Klamottenfehlgriffen und Details, die beim Betrachter auch gerne mal zu einer Form von “too much information”-Fremdschämen führen.
Irgendwie erinnert mich das ein kleines bisschen an das GZSZ-Phänomen. Natürlich gibt keiner zu, dass er sich sowas regelmäßig reinzieht, wenn man aber genauer nachhakt, bemerkt man schnell, dass auf einmal doch jeder weiß, wessen Bitch Dr. Jo Gerner gerade vögelt und wie es mit Emilys peinlichen Ambitionen in Richtung Popstarpussy- und Koksmodeltum (obwohl sie gefühlte einsfünfzig groß ist) aussieht.

Die Damen der Outfit-Diary-Blogosphäre kredenzen uns also Tag für Tag eine
digitale Soap vom Feinsten und natürlich kann ich falsch liegen, aber bei manchen Ladies kommt es mir so vor, als würden sie die Intimität der Blogspot-Community fies überschätzen.
Denn Tatsache ist: Keiner muss mehr auf das Close-up von Emilys Gesicht warten, wenn sie mit Entschuldigungsabsichten in Lennys Zimmer stürmt und ihn leider hart vögelnd im Bett mit Dude Carsten erwischt, weil jeder, verdammt nochmal jeder, der Bock hat, sich unbemerkt durch die Lebensgeschichte hinter dem Outfit Diary blättern kann. Zweifelhafte Posen zoomen, unvorteilhafte Bilder verbreiten und über “Ich schmeiß die Schule und werd Prinzessin”-mäßige Pläne grinsen inklusive.
Fandet ihr eure alten Einträge schon mal peinlich?
Und das ist gruselig, findet ihr nicht? In der virtuellen Welt kann man den Heimlich-im-Tagebuch-Blättern-Geht-Gar-Nicht-Aspekt aber leider so wunderbar mit dem “Die wollen doch, dass das jeder sieht”-Argument wegschubsen. Stellt sich nur die Frage, wie bewusst das Ganze wirklich stattfindet. Ein uraltes Analog-Tagebuch durchzublättern kann ja später mal ganz spannend sein, aber auch nur, weil den Inhalt nicht bereits 420 regelmäßige Leser kennen (und du ihn jederzeit verbrennen kannst, ohne Spuren hinterlassen zu haben). Das böse Internet dagegen vergisst nichts und ich weiß nicht, ob sich nicht die meisten Mädels im Alter von achtundzwanzig nicht wünschen, sie hätten die blaue Pille gewählt und nie etwas von der Blogspot-Outfit-Matrix erfahren.
Oder sehe ich das alles zu dramatisch? Sind Bedenken über das durchsichtige Stück Lebensabschnitt was für Muschis, die mit einem AOL-Modem aufgewachsen sind? Macht ihr euch überhaupt Gedanken über eure Art der erweiterten virtuellen Selbstdarstellung? Liebe Bloggerkollegen, waren euch uralte Archivbeiträge schon mal selbst so peinlich, dass ihr sie am liebsten gelöscht hättet? Hat euch jemand in der Realfilmwelt irgendwann mal besorgt wegen eines Postings angesprochen und euch mitleidig lächelnd eine Packung Johanniskraut zugespielt? Oder ein Psycho angefragt, ob ihr den unpassenden Badeanzug von der letzten H&M-Bestellung aus Post XY lieber gegen 50 Öcken an ihn anstatt zurück zum Schweden schicken könntet?

PS: Während ihr euch jetzt brav eine Antwort auf die Fragen ausdenkt, wappne ich mich weinend mit einer weiteren
Staffel GZSZ gegen fiese “Wer im Glashaus sitzt”-Kommentare, in denen mir aufgezählt wird, dass man mich mit ein paar Klicks zu Hause aufsuchen und mich mit politisch unkorrekten Aussagen, Penis-Metaphern und meiner sexuellen Vorliebe für Pete Doherty konfrontieren kann. Kommt nur. Meine aus Hack geformten Nachbildungen der deutschen A-Blogger-Prominenz und ich sitzen bereitwillig auf der Couch und freuen uns schon.
also ich hab auch so eine fiese myspace vergangenheit,aber sonst bin ich ziemlich zufrieden mit meinen sachen im netz..bin aber auch ganz froh,das sich so viele leute keine gedanken über sowas machen,sonst wären studi und co ja nur halb so lustig
jap, genauso läufts eigentlich, sehr gut
Großartig.
Ich stecke ja selber total in der ich-bin-so-verrückt-nach-Mode-Blogs-Kiste.
Und poste “Viele der sogenannten plusminus-Outfit Diaries sind das perfekt-erweiterte Stalking-Fressen für alle, die genauso viel Zeit in die Online-Welt investieren wie Farmville-Junkies, aber keinen Bock auf Farmville haben.” auf meiner Studi-Seite.
Passt einfach zu gut ;D