
Prolog.
Frau R (resignierend): Irgendwie hören sich alle Rap-Songs gleich an.
Herr M (ruhig): Das stimmt halt einfach nicht. Das sagen nur Leute, die alle fünf Jahre ‘n bisschen HipHop hören.
Frau R (nachdrücklich): Aber es stimmt doch!
Herr M (ruhig): Das ist doch genau so, als würde ich zu dir sagen, dass alle Libertines-Songs gleich klingen.
Frau R (auf hundertachtzig): Ja, weil du keine Ahnung hast, du verkackter Idiot!
Da mit unserer Tippse vom Dienst jede Form von anspruchsvollem Musikkonsum unmöglich ist, habe ich die Ehre, euch mitzuteilen, wie sehr oder minusknorke das auftoupierte und heißersehnte neue Dende-Album “Vom Vintage Verweht” denn jetzt wirklich ist.
Natürlich muss vorher fairerweise erwähnt werden, dass auch meine Meinung ungefähr das Gegenteil von objektiv ist. Mein erstes Mal mit dem selbsterannten Wortakrobaten plus Scotch-Stimme fand in Kürn, dem unspektakulärsten Kaff der Erde, mit Zeilen wie “eins, zwo aus der vogelperspektive und du mehr so frosch eins zwo, na fällt der groschen eins zwo” statt und schon allein deshalb und wegen allem darf sich Dende zusammen mit Denyo für immer eine Dauerkarte in meiner seelischen Kassettenkiste teilen und so, you know what I mean.
Seinem gemütlichen Heim aus Wortwitz und legendäriger Dendigkeit ist der Herr “zwei Dekaden lang so treu geblieben”, aber jetzt ist endgültig Schluss mit der Oldschool-HipHop-Welt: “Ich check aus, wenn auch spät, ich sag good buy Parasiten-Hotel, ich muss raus, solangs geht”. “Der Nesthocker lässt (also) locker”, ist aber trotzdem so höflich, den Leuten von der Vice zu erzählen, warum:
“Zu dem Zeitpunkt als ich das geschrieben habe, fühlte ich mich mit meiner HipHop-Vergangenheit wie dieser 35-Jährige, der sich immer noch von Mutter das Essen hinstellen lässt und einfach aufgrund der Notwendigkeit es nicht heraus schafft von zuhause und da dann auch hängen bleibt, alleine. Der keine Frau findet, der niemals Kinder haben wird und dies und das.”
Also macht sich Dende mit einem “hallo weite Welt wie gehts dir?” im ersten Track auf einen völlig neuen mit Minimal-Drums gepflasterten Weg, der ihn gleich darauf zur “Stumpf ist Trumpf 3.0″-Marke führt – und jetzt zu behaupten, dass dieser Song der Hit des Albums ist, wäre einfach unfair, weil wir ihn zu diesem Zeitpunkt ungefähr tausendmal besser im Ohr haben als all die anderen akustischen Frischlinge.
Weiterhören. Nächste Erkenntnis: Das gerade im Vice-Interview angesprochene Frauenproblem hätte sich dank Track 5 selbst für einen 35-jähriger Muddisohn gelöst. Mit “Und wenn ja, warum?” zeigt Dende nämlich spätestens, dass er als Texter immer noch die dickste Poetenbaggy an hat – wenn auch neuerdings ein paar Größen enger.
“Tierisch” und “Petze” lasse ich unkommentiert, ist auch besser so, weil die Tracks nicht mein Fall sind und schließlich will ich ja auch dringend zu “Metapher than Leather” kommen. Das glitzernde Highlight der druckfrischen Songansammlung legt sich nach den vergangenen neun kratzenden Soundgewitter-Tracks wie Balsam auf mein Trommelfell. Zeilen á la “ey das Leben isn Arsch – aber man steckt nicht drin” sind das Sahnehäubchen.
Und überhaupt, es scheint ganz so, als hätte sich Dende zum Ende des Albums hin ein bisschen ausgetobt. Die Wut ist raus, die Gitarrensalven schmerzen nicht mehr ganz so – und das tut gut, zumindest einem Melodien-Junkie wie mir. Und ein kleines Hoch für alle Indie-angehauchten Hörer hat der Junge mit “Papierkrieg” auch noch am Start: Track 13 schmückt sich mit Samples aus “Explosion” von Tocotronic. Gut so.
Dann ist die Sache plötzlich vorbei. Was bleibt ist eine Art “Ton!
Steine! Scherben!”-Gefühl, gepaart mit ein bisschen Abschiedsschmerz von der guten alten Welt des klassischen deutschen Raps. Textlich ist der Junge in Hochform und nennt mich ruhig Beat-Muschi, aber mir ist die neue Dende-Soundkulisse nach dem ersten Hören definitiv zu hart und geschmacklich der Inbegriff des Anti-Mainstream-Sounds.
Und wäre Dende neben mir gesessen, hätte ich wahrscheinlich sowas wie “Drehst du jetzt völlig ab, Junge?” zu ihm gesagt – wenn ich nicht genau wüsste, dass er sowas wie “Ich musste einfach etwas Schönes kaputtmachen …” [ * ] geantwortet hätte.
* Wer errät, aus welchem Film ich den Dialog geklaut habe, bekommt ein exklusives Foto von Lia, auf dem sie einzig und allein mit der wunderbaren Hülle von “Vom Vintage Verweht” bekleidet ist.
Ähm. Foto? Ich? Hülle? Und so?
Haha. Vergiss es.
Die Retroschiene so durchzuziehen ist schon mutig von ihm…aber auch nicht blöd, weil er so mehr Aufmerksamkeit bekommt als mit einem weiteren tollen Rapalbum im klassischen Sinne, wie du so schön schreibst.
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…ich sag good buy…EHEM EHEM!
sonst sehr schön und unterhaltsam
Fightclub! =D
“Vom Vintage verweht” ist so die Art Album, das man mindestens 3 mal hören muss bis es einem gefällt…
Großartiges Album von Dende. Schön, dass er nicht aufgehört hat.
Mein persönlicher lieblings-Track ist “Hörma!”, allein wegen -meiner Meinung und deine Deinung-
(Und das Zitat ist natürlich aus Fightclub^^)
Trotz der Diffamierung im Prolog muss ich mich hier nochmal zu Wort melden: Mit dem Album konnte ich zugegebenermaßen erstmal wirklich gar nichts anfangen, aber andererseits … als “Stumpf ist Trumpf” rauskam, dachte ich mir auch erstmal - aaah, Ohrenkrebs -, und mittlerweile hat er es sich in meinen Gehörgängen schön gemütlich gemacht.
Deshalb haste wirklich Recht, Kudusch – Freitag oder so hab ich Dende zufällig bei motor fm gehört und dadurch gezwungenermaßen auch nochmal ‘n paar Songs vom Album, und hey, ich bin ganz deiner Meinung. Und dass seine Texterqualitäten sowieso Wahnsinn sind, muss man ja eigentlich nicht nochmal erwähnen
Geiler Blog erstmal,
Kann mit dem Album ehrlich gesagt auch nicht wirklich viel anfangen, irgendwie klingt das zu sehr Vintage.
Stumpf ist Trumpf ist noch ganz geil aber der Rest irgendwie… zu experimentell :>