Dass Möglichkeiten mit Mögen rein gar nichts zu tun haben, weiß man ja schon, nachdem man das letzte Stück Kinderschokolade aus der Schultüte gefischt hat. Dan war aber kein Mensch, der Multitasking und Wortklaubereien zu schätzen wusste. Vielleicht fand er deswegen, dass ich einfach mal runterkommen sollte.
Immer, wenn ein Mann (warum zur Hölle raten mir eigentlich nur Penisträger sowas?) diesen Satz in meine hyperaktiven Ohren plärrt, bin ich wieder vierzehn Jahre alt. Wir sitzen im Gras. Ich jongliere mit Papier, Dan mit meinen Blicken.
Man sollte ihm spontan ins Gesicht kotzen. Ich bedenke das, entscheide mich aber dagegen.
Ich habe keine Zeit, sage ich zu ihm und lege die Stirn in Falten, missbilligend, weil er froh sein kann, zwischen den laut durcheinanderansagenden Waswärewenns, Wohindanns, Wermachtwas, Wannwennnichtjetzts, Waswillstdueigentlichs, WTFs und Werwennnichtwirs überhaupt wahrgenommen zu werden.
Das trifft sich gut, ich habe dir welche mitgebracht, sagt Dan und solche Aussagen treffen mich richtig hart. Auf eine Weise, wie es eigentlich nur der Gefühlswürfel aus der Pädagogik-Übung kann. Man sollte ihm spontan ins Gesicht kotzen.
Ich bedenke das, entscheide mich aber dagegen. Das würde nur die Wartezeit bis zu dem Punkt verlängern, an dem endlich ich wieder dran bin. Machen wir uns nichts vor: Bei einem Großteil der Gespräche des Tages warten wir einfach nur darauf, dass unsere Story an der Reihe ist, die – wie wir hier gelernt haben – erstens viel interessanter ist und zweitens auch noch bedeutend mehr mit uns zu tun hat.
Ist es euch aufgefallen? Die Schülerin bemüht sich zwar, kann aber einfach nicht konzentriert bei der Sache bleiben. Also da war Dan. Derjenige, der schon als Twitter noch in den Sternen stand erkannt hat, dass meine Gedanken und Handlungsimpulse jede Timeline alt aussehen lassen. Muss man ja auch erstmal schaffen. Manche suchen sich mit fünfunddreißig eine Hippie-Bitch und ziehen sich zur Entspannung zu einer als “meditatives Wochenende” getarnter Pilz-Orgie zurück (wo ein mysteriöses zyanblaues Exemplar ihre Psyche auf “Die dunkle Seite des Mondes” katapultieren wird. Oder so.). Ich hatte Dan.
Zu lernen, wie chillen geht, ist vielleicht das Wichtige, was im ugly teen-Alter passieren sollte. Man muss den straffen Band-Zeitplan über Bord werfen, weil man schon vormittags den ersten Festival-Long Island getrunken hat. Vor dem aufgeklappten Mathebuch wegpennen. Die Augen in der Bahn zumachen, obwohl man dringend noch den Text lesen sollte.
Sich zusammen ein achtundvierzigstündiges Zeitfenster freizuschaufeln und den Großteil davon zu verschlafen. Beim Aufräumen auf das erste gebrannte Libertines-Album überhaupt stoßen und es am Boden der dreckigen Butze von Anfang bis Ende verliebt durchhören. Sich zur Führerschein-Theorie-Stunde schleppen, um dann doch Asti vorm benachbarten Lidl zu trinken. Hunderte von Kilometern fahren und dann tagelang verstrahlt eine Straße auf und ab laufen, weil man nicht glauben kann, dass man wirklich dort ist.
Es ist nicht dasselbe. Aber es ist großartig.
Denn irgendwann ist man zwangsweise Anti-Teenie-alt und vernünftig, gibt sich aus diversen Trendgründen zwar prokrastinierend, aber nicht so sehr, um das Ganze nicht doch am Laufen zu halten. Und glaubt mir: Zwischen Dinge geregelt kriegen und all den anderen Deeskalationsmaßnahmen bleibt genau null komma null Luft. Außer, man nimmt sie sich. Weil Wahlfreiheit auch manchmal bedeuten darf, dass man sich gar nichts aussuchen muss.
Zum Beispiel jetzt. Ich sitze im Gras. Dan ist nicht mehr dabei. Die Sonne knallt, genau wie damals und ich habe keine Zeit und bleibe trotzdem hier. Es ist nicht viel. Es ist nicht dasselbe. Aber ist großartig. Go waste your time.
Ja, tut wonach euch ist! :p
Aber sowas von.