Warum es überragend ist, dass Alice den Hutmacher nicht mal geknutscht hat
Während der 3D-Kino-Version wusst ich erstmal nicht so ganz, was ich jetzt eigentlich von dem Kaninchenloch, dem LSD-Hasen und dem grinsenden Wollknäuel reloaded halten sollte. Alice ist zwar zehn Jahre älter, der Rest der WunderUnterland-Crew sitzt aber gruselig-psycho wie eh und je an der Teetafel des Hutmachers. Überhaupt, der Hutmacher. Der Herr scheint von Anfang an einen auffällig ausgeprägten Beschützerinstinkt für die kleine große Alice (je nach Mahlzeit) zu hegen.
“Du hast dein Mehrsein verloren”, erklärt er ihr in einem ernsthaft-tragischen Moment zu Beginn des Films, als noch nicht ganz fest steht, ob sie nun genau dieselbe Alice ist wie die, die damals durch das Kaninchenloch gefallen ist. Kurz darauf wird er entführt. Und erst deshalb scheint Alice’ Kampfgeist zu erwachen: Sie hört auf, verwirrt zu sein, hüpft entschlossen über die abgehackten Köpfe im Burggraben und schleimt sich bei der bösen Roten Königin ein, um den Hutmacher aus deren Palast zu befreien.
Nur gucken, nicht anfassen
“Bin ich wahnsinnig?”, lautet seine Frage wenig später an Alice umd sie nimmt sein Gesicht liebevoll in beide Hände, um ihm – genau wie ihr Daddy einst ihr – zu erklären, dass er wohl “nicht mehr bei Sinnen” wäre, ja, sogar ernsthaft einen an der Klatsche hätte, aber daran erkenne man schließlich “die Besten.”
Ein romantischer Moment, ohne Frage. Mit dem Hutmacher führt sie außerdem ein tiefsinniges Gespräch über Traum und Wirklichkeit im Palast der Weißen Transenkönigin und es ist natürlich auch der Hutmacher, der Alice darin bestärkt, die nervige Prophezeiung (Mystisches Schwert klauen – Endgegner plattmachen – die Rote Bitch stürzen) zu erfüllen.
Nachdem das erledigt ist und Alice bereits den “Bye-Bye Unterland”-Trank intus hat, der sie zurück nach oben in die Realfilmwelt bringen wird, wäre der perfekte Moment. “Du wirst dich nicht an mich erinnern.”, erwidert der Hutmacher nach dem üblichen “Du musst nicht gehen, wenn du nicht willst”-Blah und wenn diese Szene nicht nach einem verdammten Kuss schreit, dann weiß ich auch nicht.
Überhaupt, hätte James Cameron den Film gemacht, wäre unter dem Deckmantel der “Vereinigung aus Liebe” schon längst eine heiße Nummer hinter der Säule geschoben worden. Oder, noch besser: Der Hutmacher wäre in der finalen Schlacht draufgegangen – aber natürlich nicht, ohne sich vorher noch einen Knutscher von Alice aufdrücken zu lassen.
Selbst Catwoman hätte in der Zeitspanne, in der Alice mit dem Drachen kämpft, schon drei Typen flachgelegt
Aber das hier ist Linda Woolvertons Story und in der kehrt Alice nach einer simplen Umarmung für den Hutmacher in ihr echtes Leben zurück. Frisch angekommen erklärt sie dem Spacki mit Darmstörung, den sie dort heiraten sollte, dass das nichts wird, der Mama, Schwester, Tante und so weiter, dass sie jetzt ihr eigenes Ding macht und führt ab sofort das Unternehmen ihres verstorbenen Daddys weiter. 19. Jahrhundert hin oder her.
“Ich habe mehr an einen Action-Abenteuerfilm mit einer weiblichen Hauptfigur gedacht als an eine viktorianische Maid”, erklärte die Drehbuchautorin, die übrigens storytechnisch unter anderem für “Die Schöne und das Biest” und “König der Löwen” verantwortlich ist, der “New York Times” dazu. “Ich halte es für sehr wichtig, entschlossene und tatkräftige Frauen zu zeigen, weil Frauen und Mädchen Vorbilder brauchen.”
Das mit der Action-Alice fand übrigens sogar mannfRed nice – was schon was heißen will, weil er Liebesszenen normalerweise als notwendiges Übel betrachtet, um Megan Fox nackt zu sehen und sich sowas von über den Oscar-Feminismus am Weltfrauentag (“Es soll der beste Film gewinnen und nicht die einzige Frau, weil sie die Frau ist”) aufgeregt hat.
Wir fassen zusammen: Dass auf der Leinwand trotz Disney-Blockbustertums mal nicht geknutscht wird, macht eigentlich gar nichts – und das ist strange. Denn eigentlich bin ich ja ganz klar für Kino-Kitsch. Bei den Zähnen des Hutmachers ist es aber wahrscheinlich auch besser für alle Beteiligten. Und trotz aller Pussy-Power darf abschließend auch nicht unter den Tisch fallen, dass Helena Bonham Carter für mich auch mit dem Rote-Königin-Monsterkopf dank Fight Club und Tyler Durdens gelben Handschuh immer die Braut sein wird, die sich “wirklich bemüht, zum Nullpunkt zu kommen.”
19. jahrhundert
Ups, war ja klar. Danke, ist korrigiert
hahahaaa 3 mal laut gelacht- sehr geil
Ich muss den Film noch sehen, freue mich auf die ganzen Psychokanickel.
Der einzige Grund, warum die Beziehung zwischen Hutmacher und Alice so “seltsam” ist, ist der selbe Grund, warum Alice und er so aufeinander achtgeben: Der Hutmacher stellt im Buch Alice Vater da. Der Dodo übrigens den Autoren, das jedoch nur am Rande.
Wenn Alice also den Hutmacher küssen würde oder, “schlimmer noch”, mit ihm rum machen würde, würde sie mit der Metapher-Figur ihres Vaters rum machen. In den Film wäre ich dann, glaube ich, doch nicht gegangen.
Generell ist es immer besser, wenn man die Bücher (in diesem Fall 2 Bücher und kein Disney Film aus den 50ern) liest, denn dann eröffnet sich einem der ganze Sinn der Story, die Fragen klären sich und man versteht, warum Maus und Hutmacher noch immer bei der längsten Teeparty in ganz Unterland beim Märzhasen zu Gast sind.
Ansonsten, ein schöner Beitrag zu einem, meiner Meinung nach, großartigem Film.