Die dunkle Seite

Alles begann mit der TV-Kritik bei Spiegel Online. Gegen das dort regelmäßig stattfindende Wortgewitter ist eine Dusche mit purem Klorix ja wohl mal ein angenehm kitzelndes Hautpeeling.

Ach ja, ich kann mir das erste Meeting der Redaktionsmenschen dort, damals, zwischen quietschenden 56k Modems und einem AOL-Internetzugang, wahnsinnig gut vorstellen: “Leute, dieses Internet scheint das nächste große Ding zu werden, aber weil es erstmal ja eh keiner liest, können uns mal ‘n bisschen von den anderen Muschis abheben! Wir finden in Zukunft alles beschissen, was über den Äther läuft. Habt ihr gehört? Ver-ach-tung! Die Leute draußen müssen das Gefühl haben, dass ihr euch nur aus purem Mitleid dazu herablasst, eure intellektuellen Augen durch die Privatsender-Müllhalde zu graben.”

Und das war nichts anderes als der Beginn einer neuen Ära: Kuschel-Kritik war gestern, und Frontaldissen ist sowieso das neue Lästern - weil es einfach viel mehr reinhaut. Ich meine, hey, sogar das, was früher als Wutbewältigungsstrategie in das Textfeld einer Mail gepfeffert und anschließend gelöscht wurde, wird neuerdings mit einem kalten Lächeln an den Empfänger (aktuelle Lieblingsopfer: Vodafone, KabelBW, GLS) verschickt.

Man könnte also sagen: Das Internet hat uns ein fettes Stück fieser gemacht. Und das findet wir auch noch verdammt heiß. Weil die dunkle Seite der Macht nach Erdbeeren mit Schokolade schmeckt, oh ja.

Also folgt uns auf dem honigsüßen Pfad der virtuell durch die Gegend geschleuderten Beleidigungen und baut dem Herrn vom Popblog der taz einen Dissgott-Schrein. Denn genau der hat sein Leben der ehrenvollen Aufgabe gewidmet, die Hassattacken unserer Online-Kollegen in der sexuellen Rubrik “Schmähkritik” zu katalogisieren. Ein kompaktes Inhaltsverzeichnis der ersten 300 Folgen gibt’s hier - und um zu demonstrieren, dass nicht nur wir von Grund auf böse sind, haben wir euch mal die Zuckerstücke über unsere Lieblingsspackis rausgesucht:

Sarah Kuttners “Mängelexemplar”

'Wolke 9' - Berlin Premiere

Wenn eine Depression ein fucking Event ist, dann ist die Urheberin dieses Satzes ja wohl mal mindestens ein Festival an absoluter Nervigkeit: Warum wir Sarah Kuttner abgrundtief assi finden und sie garantiert nichts mit Bela B. anfangen hätte dürfen, beleuchten wir hier. Ob Kristina Maidt-Zinke von der SZ aus demselben Grund genauso angepisst von ihr ist, wissen wir leider nicht. Überragend ist ihr “Mängelexemplar”-Review trotzdem …

Und man sollte bereit sein, all seine Coolness zusammenzuraffen, wenn die mit Anglizismen gemästete Sprache ihren Enddarm nach außen stülpt: “You can get it if you really want. Ich wante vermutlich nicht really genug. Auf der anderen Seite wante ich zumindest genug, um ordentlich unzufrieden zu sein, es nicht zu getten.”

Baden-Württemberg

Roland Mack Celebrates 60th Birthday

Dass uns Job und Uni ausgerechnet in dieses Bundesland verschlagen haben, ist eine Tatsache, die mich immer noch regelmäßig nach “Happy Pills” schreien lässt. Mit bayerischem Migrationshintergrund nach Rest-Deutschland auszuwandern, ist ja sowieso nicht ganz einfach. Man bemerkt dramatisch schnell, dass der Rest der Welt kein Bier kann, mit in unsexuellsten Dialekt verpackten wirren Worten um sich wirft und die Weißwurst womöglich noch nach dem 12-Uhr-Läuten verspeist. Doch trotz allem könnte man sich ja irgendwie arrangieren. Theoretisch.

Warum die Integration in Richtung BaWü-Feeling aber ausgerechnet gleich dreimal nicht funktionieren kann, beschreiben der Herrschaften der Titanic wunderbar in folgendem Absatz:

Baden-Württemberg! Am berühmten Blohm+Voss-Dock des Hamburger Hafens grüßt Du die Hamburger, die Touristen und die einfahrenden Schiffe mit dem gleich mal alles klarstellenden Slogan “Weltmarkt grüßt Fischmarkt!”, und drunter steht Deine Internetadresse.

Warum, Ländle, so subtil? Mach doch, wie es Deinem Wesen entspricht, den Leuten gleich unmißverständlich klar, was Du von den Losern an der Elbe hältst und daß Du alles kannst, und zwar besser: “Schaffe schaffe grüßt Hummel Hummel”, “Weltmarkt grüßt Drogenmarkt”, “Porsche grüßt Hafenstraße”! Oder am besten gleich: “Die Löffel, in denen ihr euer Heroin aufkocht, kommen von u-huns!”

Die Indieszene

Oasis frontman Noel Gallagher leaves the U2 afterparty in good spirits, hitching a lift on his friend's shoulders

Eins vorweg: Ich liebe das Indietum mit seine The-Bands, abgemagerten Frontmännern, eingedrehten Füßen und engen Hosen - und wer was dagegen sagt, wir exklusiv von mir cybergemobbt. Denn der Einzige, der in diese Richtung dissen darf, Noel Gallagher - den mannfRed und ich in intimen Kreisen nur unter dem Titel “singende Pottsau” kennen. Denn so viel Arroganz und Arschloch-Attitüde wie im Q Magazine ist nicht anderes als verdammt sexy. Hört und … stöhnt:

I don’t give a fuck what spotty, divvy little indie bands think about me. My peers are fucking Bono and Chris Martin and Mick Jagger and Keith Richards. I don’t give a fuck about what some cocksucker from The Wombats thinks of Oasis, or anyone from the Last Shadow Puppets, y’know. I’m not arsed about them. They’re so beneath me it’s unbelievable.

Coldplay

Sound Relief - Sydney

Falls jemand vorhat, mich in naher Zukunft zu entführen (Adresse findet ihr im Impressum), um von mannfRed 3,58 Euro und seine erste Fanta 4-Platte zu erpressen, gebe ich euch an dieser Stelle schon mal einen guten Foltertipp, der mich garantiert gefügig machen wird: Sperrt mich in einen Raum und spielt mir 24 Stunden am Stück die akustischen Fäkalien - das Wort Song will ich an dieser Stelle wirklich nicht benutzen - von Coldplay vor. Warum? Hier, bitteschön: Die gesammelte Schrecklichkeit dieser Bands demonstrieren Dirk Peitz in der SZ und auch Jon Pareles in der New York Times nahezu meisterhaft …

Chris Martin ist also offenbar ein vom Glück überversorgter, dennoch bescheiden gebliebener, vorbildlicher Bürger – und ein totaler Langeweiler. Und seine sagenhaft erfolgreiche Band hat bislang drei Alben mit öder Stadionrockmusik vollgespielt, deren vorzüglichste Eigenschaft war, dass man die einzelnen Lieder nicht voneinander unterscheiden konnte, aber alle immer unangenehm an U2 erinnerten.

(…) Coldplay, the most insufferable band of the decade (…) the lyrics can make me wish I didn’t understand English.

Die Musikindustrie

MTV Europe Music Awards 2009 - Backstage Boards

Ja-ha, liebe Musikindustrie. Ich weiß, dass euch der Umstand, dass ihr nicht gecheckt habt, dass euch “dieses Internet” mal irgendwie beschäftigen wird, übelst ankotzt. Mimimimi. Und dass ihr vor lauter Frust über wackelige Jobs und nur höchst durchschnittlichen Ficks mit der dritten Background-Sängerin einer Newcomer-Band am liebsten alles verklagen würdet, was darin aktiv ist. Aber für eure akute Behämmertheit können wir schließlich auch nichts. Das unterstreichen Malcolm McLaren, Ex-Manager der Sex Pistols, im SZ Magazin und Patrick Wagner von Louisville Records:

Die alte, lahme Branche versinkt gerade in der Bedeutungslosigkeit und verliert all die Macht, die sie einst besaß. (…) Die Musikindustrie ist nichts weiter als eine Ansammlung alter, dicker, hässlicher Besitzstandswahrer. (…) Das popkulturelle Gewerbe hat damit bewiesen, dass es den Zeitgeist emotional nicht mehr versteht und völlig falsch informiert ist. Macht den Laden doch einfach dicht!

(…) Die Leute sahen ihr (Anm.: der Popmusikbranche) wahres Gesicht: Sie war nichts weiter als ein von Gaunern betriebener Heuschreckenkonzern, dem der Tag der Abrechnung bevorstand, Und ich bin wie viele andere entzückt, mitzuerleben, wie er heute in Flammen aufgeht.

Verzweiflung pur – jetzt müssen wir das Navel Album verschenken, damit es gehört wird – denn so wie´s aussieht verkaufen wir grad mal 10 000 – 20 000 Stück und darauf können wir angesichts der Qualität dieses Albums durchaus verzichten. Natürlich ist uns das komplett gleichgültig, was nervt an diesem Geschäft, ist weniger die Tatsache, dass man sich komplett verschuldet, sondern dass man auf allen Ebenen mit komplett überlasteten und unfähigen Vollidioten zu tun hat, die einem offen ins Gesicht lügen.

Da wäre z.B. Philipp (internationaler Vertriebsmanager bei K7), nach einem total coolen Treffen und quasi Handschlagdeal und nachdem er sich diverse Päckchen mit Promomaterial hat schicken lassen und auf ca 20 Mails und 10 Anrufe nicht geantwortet hat, dann meinte – Louisville Records sei einfach noch nicht bekannt im Ausland – genau das hatte ich ihm beim ersten Meeting gesagt (und stimmt Puppetmastaz haben ja nur 12 000 alben in FR. verkauft).

Oder Curt (ich hab Schnupfen) von Cooperative Music der nach ähnlichem Prozedere und endlosem Hinterhertelefonieren meinte, man suche doch eher ein Elektro Label, lustigerweise aber jedesmal wenn man ihn im Nachtleben trifft meint, man solle etwas zusammen machen.

Grossartig auch Leute wie Christoph von MTV – “Bei Navel könnte ich mir echt gut vorstellen, wenn das Video gut wird, dass wir da einen Newcomer Deal anbieten könnten – ca 10 000€ später, ist das Video zwei mal gelaufen und MTV lässt über Dritte ausrichten, dass man keinen Rock spiele auf MTV – als hätten sie das nicht einen Moment früher gewusst.

Besser sind da schon die herrlichen Kollegen von den Printmedien – am besten aus der Rockhauptstadt München vom Musikexpress – zB. Oliver “das sind Newcomer, oder ?- Ja dann musst du mit Christoph sprechen: “ich weiss nicht ob ich da was bringen kann, es ist so viel los gerade” die Wahrheit ist, dass im März/April ausser Nick Cave und Portishead keine einzige auch nur halbwegs anhörbare Platte rausgekommen ist, da nimmt man schon mal eine Künstlerin aufs Cover die grade nur Coverversionen veröffentlicht, wenn das nicht die Musik vorantreibt?

Toll auch Markus vom Radio Sender “Eldoradio” (Hörerschnitt: 4/Tag), der ganz gerne von einem erwartet, dass man für ihn und seinen beschissenen Sender und seine absolut irrelevanten Campuscharts einen Song umschreibt oder ne andre Single auskoppelt und im gleichen Atemzug sagt “Kettcar finden wir zwar auch scheisse, müssen wir aber machen”.

Da sind mir die Kollegen von der Spex schon lieber, die einfach, sagen, “da machen wir nichts”, -genauso hab ich mir nen Diskurs vorgestellt. Als würde mich das interessieren, was diese, aus drittklassigen Feuilleton Schreibern zusammen-gestoppelte Redaktion, über Musik zu sagen hat.

Sehr gut sind auch A&R´s bei Plattenfirmen, mit denen man vermeintlich befreundet ist, “nee, den Vertiebsdeal mit Louisville solle man auf keinen Fall verlängern” – ach Gott, bin ich froh solche Freunde in der Branche zu haben. Jetzt stellt sich zurecht die Frage, warum um Himmelswillen wir noch in diesem komplett talentfreien Bizness arbeiten. Hier ist die Antwort und bevor wir (April – April) dieses Album verschenken, schneiden wir uns lieber die Hände ab.

PS. Alle genannten Personen sind real und in unserem Verteiler.
PPS.: Wenn alle die das hier lesen sich nächste Woche das Navel Album kaufen (ja das gibt es noch), wird es zumindest das DSDS Album von Platz 2 der Charts vertreiben, und das wäre doch ein hübsches Zeichen dafür, dass nicht Hopfen und Malz komplett verloren gegangen ist.

Oooh ja …

Wenn das mal nicht purer Sex für unsere schwarzen Seelen war, dann weiß ich auch nicht. Sollte euch das Ganze genauso heiß machen, könnt ihr gerne an dieser Stelle weiterlesen. Ebenso dürft ihr euren gesammelten Hass gerne im Kommentarfeld platzieren und alles und jeden dissen, was sich in der Öffentlichkeit bewegt. Strengt euch an! Schließlich gilt es, ein 300 Folgen starkes “Schmähkritik”-Werk zu überbieten.

Von Lia R / 24. Feb. 2010 / 16:32 Uhr

 

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Kommentare zu Die dunkle Seite

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  1. Tirolblogger

    → am 24. Feb 2010 um 17:44 Uhr (#)

    Ja, ich liebe dieses ominöse Medium Internet, mit Hilfe dessen ich meine gestauten Aggressionen gegen die geheuchelte Konsumwelt ablassen kann. Ich liebe das gefürchtete Dissen in der Internetwelt ohne Angst haben zu müssen, dass am nächsten Morgen der Mann mit der Sense vor meiner Haustür steht. Und ja, ich liebe diese Texte voller Zynismus und blanker Ironie.

    Gebt mir MEHR!

  2. Sven

    → am 24. Feb 2010 um 19:20 Uhr (#)

    Nur so am rande, U2 finde ich schlimmer als Coldplay…

  3. elisa the snake

    → am 25. Feb 2010 um 00:38 Uhr (#)

    oh ja, coldplay sind echt sooooo dermassen scheisse.
    also wenn mich wer entführen will…

  4. Patricia

    → am 25. Feb 2010 um 12:52 Uhr (#)

    Es ist herrlich, dieses Internet. @Tirolblogger: Schimpfst Du anonym? Denn sonst könnte der Mann mit der Sense doch mal vor Deiner Tür auftauchen.

  5. Tirolblogger

    → am 26. Feb 2010 um 13:21 Uhr (#)

    @Patricia Der Mann mit Sense kommt nicht zu mir - un sonst werd ich das Land verlassen. ;-)

  6. lia.R

    → am 26. Feb 2010 um 16:54 Uhr (#)

    Immer wieder gerne, Mister Tirolblogger …

    Sven: Naja, man wählt bei den beiden Bands ja quasi zwischen Horror und … ähm … Doppelhorror …

    elisa the snake: Jep ;)

    Patricia: Dieses Internet beglückt uns ebenfalls immer wieder … faszinierend …


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