Hartgeld

Wenn man die virtuellen Fashion-Zeilen der letzten Tage verfolgt hat, könnte man beinahe meinen, Modeblogs wären sowas wie der Hartgeldstrich der Blogosphäre. Beef gab’s von der verrückten Kleinen, deren Style meist grob zwischen Fasching und High Fashion pendelt, bis hin zur angepissten dicken Alpharedaktöse, die insgeheim wahrscheinlich gerne 30 Jahre jünger und 30 Kilo leichter wäre - wer jetzt was zu wem gesagt hat ersparen wir euch jetzt aber einfach mal, wir sind ja hier schließlich nicht in einem Bushido-Drehbuch.
Grob zusammengefasst ging und geht es um die Sell-Out-Mentalität, die sich in den gutfrisierten Köpfchen vieler Vorzeige-Fashionblogger breit gemacht haben zu scheint. Ergo: Auf den Seiten der Ladies scheint es zuzugehen wie in den dunkelsten Ecken eines illegalen Red Light Districts, garniert mit einer Prise “Hausdealer um die Ecke”-Talk: Für einen aus Worten bestehender Blow-Job über Kollektion A muss schon der Flug zum Showroom drin sein, nur ein Kleid aus der Kollektion Augenkrebs “nicht so toll” zu finden kostet ‘ne Goodie Bag, ‘ne Karre eine Woche demonstrativ Probefahren zu dürfen gibt ‘ne kleine löbliche Randnotiz in leider doch durchscheinender Alltagsverpackung und der multiple Posting-Orgasmus - gerne auch mehrmals hintereinander - über ein- und dieselbe Klamottenansammlung von Label B (und zwar ohne einen mit einer gesunden Portion an Urteilsvermögen überzogenen Gummi) erfordert schon ‘nen Frontrow-Sitz.
Dass es sich dabei aber nicht nur um ein Phänomen der High-Class-Tippsen im Online-Universum der Mode handelt, wissen wir spätestens seit den unvermeidlichen Namensketten. Die Dinger zu bewerben war zeitweise ungefähr so verbreitet wie im Moment das “Hey! Get in Lime”-Zeug auf den fashionbloggenden Fingernägeln, obwohl sie hochgradig ansteckendes Augen-Aids verbreiten und ungefähr die Stilsicherheit einer Lil’ Kim vermitteln. Und da gegen den BilloBlingBling-Virus leider bis heute noch kein Kraut gewachsen ist, werden sie uns vermutlich auch noch im Web 7.0 von jeder “Du kriegst auch ‘n Zehner Rabatt und 0,0003 Cent pro Klick”-infizierten virtuellen Fashionista ganz zufällig als das ideale Weihnachts-, Valentinstags- oder GangBang-Jubliäumsgeschenk angedreht.
“Und, wie viel kostest du so?”
Aber ich schweife ab. Was ich mit diesem Beispiel eigentlich demonstrieren wollte, ist Folgendes: Wenn die Geschenkewolke erstmal zum Greifen nah an einem vobeiwabert, transformiert man sich schneller in eine sogenannte PR-Slut, als man “Dior” sagen kann. Das haben die findigen PR-People natürlich schon längst gecheckt und scheinen mit der bloggenden Style-Prominenz nach immer demselben Muster zu verfahren: So lange ihnen von Labels, Designern und PR-Agenturen Produkte, Einladungen und Goodie Bags in den Arsch blasen geblasen werden, halten sie schön die Fresse und flöten schriftlich brav, wie überragend denn A, B und C heute wieder am Start sind.
Bevor es jetzt aber Protest von allen Seiten hagelt: Natürlich sind das alles nur Beispiele und keine Pauschalaussagen über die Gesamtheit der bloggenden Modemädels - und die richtige Frage an dieser Stelle ist, auch abseits der Fashionblogosphäre, sowieso nicht etwa “Bin ich käuflich?” sondern viel mehr “Wie viel koste ich?” Das hat Robert Basic bereits 2007 in seinen Umfragen bestätigt. Die Mehrzahl der teilnehmenden Blogger würden demnach gegen Kohle über Produkte schreiben und zwar über alle möglichen, sogar schlechte. Allerdings müssten die PR-Betreibenden da schon einiges an “Schmerzensgeld” springen lassen: Durchschnittlich wären die teilnehmenden Blogger ab einer Summe von 5.000 Euro dazu bereit, ein kleines Stückchen ihrer Authentizität zu opfern.
Sind wir theoretisch also alle nichts anders als virtuelle Hartgeldnutten? Ihr auf jeden Fall, flüstert mir die eine oder andere kritische Stimme jetzt schon zu. Schließlich feiert ihr euren Sell-Out schon über dem Header-Bild. Oh ja. Weil wir nichts dagegen hätten, mit unserem Baby hier irgendwann mehr Asche zu machen, als nur die Serverkosten zu decken, unseren ergebenen Fans ein eigenes Casino (mit BlackJack und Nutten, of course!) zu bauen, den Flur unseres Wolkenkratzers mit Koks zu pflastern, die EMMA aufzukaufen und zum führenden Bondage-Magazin auszubauen, anschließend bei Mr. Burns einzuziehen und unsere gemeinsam errunge Herrschaft über die Milchstraße zu feiern.
Werbung bedeutet nicht zwangsweise weniger Ehrlichkeit
Und wer ausgerechnet bei uns auf die objektive Independent-Schiene pochen will, sollte diese Seite spätestens nach dem Lesen dieser Zeilen schleunigst verlassen. Denn was ihr hier vorgesetzt bekommt, hat ungefähr die Unabhängigkeit eines krankhaften Stalkers. Alle News, Ideen und Themen wandern durch einen subjektiven Filter, der sich vor allem durch unsere misanthropisch-angepissten, nölenden, sensationsgeilen, vom Unterschichtenfernsehen sozialisierten und sowieso von Grund auf bösen Charaktere auszeichnet.
Werbung, in welcher Form auch immer, bedeutet also nicht zwangsweise weniger Ehrlichkeit. Labels und Agenturen als Kooperationspartner zu haben katapultiert keinen Blogger mit einem Knopfdruck auf den Sell-Out-Strich. Doch je mehr Einfluss ein einzelner Sponsor gewinnt, umso mehr wird auch redaktionelle Freiheit zur Definitionssache. Was schade ist, weil - wie Teresa Bücker in ihrem Artikel “Unter Freundinnen” festgestellt hat - gerade die virtuellen Fashionistas für durchschnittsmodeinteressierte Ladies wie mich ein Angebot schaffen, dass entspannt vom üblichen BlahBlah der Pussy-Zeitschriften da draußen abweicht. Und das Einzige, was noch schlimmer sein kann als ein offensichtlich-versteckter Product-Placement-Post, ist schließlich, sich (zum Beispiel) den Trendreport von der Weber auf den ersten InStyle-Seiten ohne Alternative reinziehen zu müssen.
Von Lia R / 11. Feb. 2010 / 21:57 Uhr





→ am 11. Feb 2010 um 22:14 Uhr (#)
Ich gelobe, mein heutiger Fashion Blog-Beitrag bleibt der einzige.
Aber stimmt schon. Sachen wie Trigami oder so wären mir zuwider. Man sollte selbst entscheiden können, worüber man schreibt. Wenn man hier und da mal einen kleinen Bonus, ein Schmankerl bekommt, okay. Aber wie oft ist das bei euch und sicher noch weit weniger bei mir der Fall? Verschwindend gering ist das. Und selbst wenn, es fügt sich nahtlos in den normalen Content. Dazu auch noch mit eh immer wechselnden Themen. Glaube Modeblogs haben da auch einfach das Problem ihrer Schublade, immer über etwas schreiben zu müssen um Leser zu halten und dann vielleicht auch denen nach den Mund zu schreiben.
→ am 11. Feb 2010 um 22:27 Uhr (#)
Sehr fantastisch. In deinen Worten fühl’ ick mir wie Zuhause.
*Dieser Comment ist sponsored by COPYGOLD.
→ am 11. Feb 2010 um 22:28 Uhr (#)
Puh, spannend!!! Gut, dass ich so unwichtig bin, dass ich gar nicht erst in Versuchung gebracht werde … ;-))
→ am 12. Feb 2010 um 20:17 Uhr (#)
meinst du? :b
selbst wenn. ich finds super!
liebe Grüße, Marie