Juliet, Naked
8. Feb 2010 | in stories | 4 Kommentare
Wider Erwarten hab ich mir “Juliet, Naked” nicht nur aufgrund des Titels gekauft, sondern weil in der Beschreibung was von Web 2.0-mäßiger Community und einer digitalen Musikrezension stand, die das Leben zweier Menschen nachhaltig verändern soll. Ach ja, liebe YouPorn-Anhänger, ich muss euch enttäuschen, ich rede hier doch tatsächlich von einem Buch. Aber das nur am Rande. Denn für eine bahnbrechende Kritik ist es längst zu spät, weil der 256 Seiten starke Schinken schon letztes Jahr im September rausgekommen ist. Klarer Trendfail in Zeiten der Pre-Preview, aber macht nichts. Wir haben hier schließlich ein weitaus höheres Ziel.
Aber vielleicht sollten wir trotzdem erstmal klären, was denn jetzt eigentlich in der Story mit dem verheißungsvollen Titel geht. Also. Die Protagonistin ist weder ständig nackt, noch hört sie auf den Namen Juliet - ganz im Gegenteil, die Gute heißt Annie, ist eher mäßig geil, Ende dreißig und steckt noch dazu in einer aussichtslosen Beziehung mit Ober-Nerd Duncan. Die beiden haben sich damals zusammengetan, weil sie halt irgendwie übrig geblieben sind. Und da - wir ahnen es bereits - in ihrer jetzt schon fünfzehn Jahre andauernden und eindeutig leidenschaftsfreien Laufbahn in einem englischen Kaff nicht mal genug für ein Balg ging, hat sich Duncan ein anderes Baby angeschafft: Er ist der Kopf der Community um Tucker Crowe, quasi ein Buch-Klon von Bob Dylan, der 1986 kurz vor einem Gig spurlos verschwunden und seitdem Zielscheibe heißester Fan-Verschwörungstheorien ist.
Die kränksten “Crowologen” begnügen sich aber nicht damit, die Messageboards des virtuellen Schreins vollzumüllen, sondern pilgern auch gerne mal zu (mehr oder weniger) spektakulären Orten, in denen Tucker seine Fußspuren, Pisse oder ähnliche Relikte hinterlassen haben soll - so wie Duncan zu Beginn der Geschichte, Annie hat er im Schlepptau, natürlich, weil sie, wie sie ziemlich schnell feststellt, Duncans ausuferndes Fantum schon “so akzeptiert hat, wie man eine Behinderung akzeptiert”. Zurück in England scheint erstmal alles so wie immer: Annie öffnet Ducans Post, weil er selbst das nicht packt und will ihm die Wische brav sortiert zur Durchsicht auf die Tastatur legen - bis sie auf eine Vorab-CD von Tucker Crowe stößt, die angeblich kurz vor der Veröffentlichung steht. “Juliet, Naked” nennt sich die Sammlung an Demosongs zu Crowes gleichnamigen Erfolgsalbum und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Gute die Originale ohne jegliches Arrangement auf der Akustikgitarre runterschrammelt.

Während Duncan beim Anhören nicht nur einer, sondern gleich ‘ne ganze Reihe abgeht und zwar nicht nur, weil er die Songs so geil findet, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass er der Erste ist, der in der Community darüber schreiben wird. Wie seine Rezension für die anderen Crowe-Nerds ausfällt, ist deshalb sowieso klar. Annies Meinung zu der Platte wirkt da fast schon wie ein Schlag ins Gesicht: „Klingt wie Juliet ohne das, was gut daran ist“. Und weil ihr Duncan sowieso auf den Sack geht, knallt sie eine nicht ganz so verklärte Gegenbeurteilung auf die Seite. Dass ihr der Tucker Crowe daraufhin tatsächlich ‘ne anerkennde Mail schreibt, hätten weder sie noch ich erwartet. Dass der große Crowe in Wirklichkeit nichts mehr als ein bettelarmer Ex-Alki mit vielen Kids von noch mehr Ex-Frauen ist, dagegen schon eher. Und weil beide vor allem mit der fiesesten Frage kämpfen, die das Midlife-Crisis-Menü so zu bieten hat - “Was tut man, wenn man eines Tages aufwacht, und bemerkt, dass man fünfzehn Jahre seines Lebens verschwendet hat, weil man den Arsch nicht hochgekriegt hat?” - liegt es ja auf der Hand, dass sich zwischen Tucker und Annie sowas wie Liebe entwickelt.
So richtig heiße Verknalltheit hat die Geschichte aber auch jetzt nicht zu bieten. Das Ganze entwickelt sich eher in eine Richtung, die man als sachliche Romanze bezeichen könnte - wenn überhaupt. Die Grundstimmung, die Nick Hornbys Analog-Schinken da verbreitet, schwankt also ungefähr zwischen mit Tränen gesalzenen Bratkartoffeln aus der Single-Fertigpackung und einem regenerischen Sonntagnachmittag. Ergo: Unangenehm bis traurig. Wie so viele Geschichte über reale Zeitgenossen, die auch du oder ich in weniger stylish (of course!) sein könnten und ihren Ursprung in den späten Nullern haben.
Wir sprechen hier von Leuten, die was Großes vorhatten, und nicht mal die Eier aufweisen konnten, um grandios zu scheitern. Weil sie einfach nichts getan haben. Sich mit seinem temporären Unglück in ein Plaid von Ikea einzukuscheln, scheint auf der “Wie habe ich bisher meine Zeit verbracht, und jetzt mal ehrlich”-Liste ganz oben zu stehen. Bitte warten Sie, das nächste bahnbrechende Ereignis, das Ihr Leben nachhaltig verändern wird, steht gleich für Sie bereit. Bis dahin bleibt man in der Warteschleife und weiß die Zeitspanne, die man so verbracht hat, erst dann zu schätzen, wenn man endlich durchgestellt wird. Gerne auch mit leisem Bedauern. Dass die Welt uns bereits an den Zehen geknutscht hat und wir nichts bemerkt haben, weil unsere Füße schon lange eingeschlafen sind, könnte sich im Nachhinein als beißende Erinnerung entpuppen. Sagt zumindest das Grundgerüst der Geschichten, die ich in der letzten Zeit gelesen haben.
Aber muss es überhaupt soweit kommen? Wenn wir jetzt gerade in der Zeit leben, die wir später mal als die Beste unseres Lebens bezeichnen werden (an dieser Stelle ein ‘angeblich’ einfließen zu lassen, kann ja nicht schaden, oder?), warum hängen wir dann so oft in der Luft? Vielleicht wäre sich vom Hörer und der Decke befreien und die Warteschleifendudelmukke auf Lautsprecher legen nicht schlecht. Action, Action! Oder auch: Das wird unser Tag, Baby, wenn wir aufstehn.
Bild: KiWi Verlag

















am 8. Feb 2010 um 14:09 Uhr (#)
Hast dus auf deutsch oder englisch?
Wenns englisch ist könnten wir vielleicht tauschen
Wills umbedingt lesen.
am 8. Feb 2010 um 14:20 Uhr (#)
Sry, ich hab leider nur die deutsche Version anzubieten.
am 9. Feb 2010 um 11:54 Uhr (#)
“Wir sprechen hier von Leuten, die was Großes vorhatten, und nicht mal die Eier aufweisen konnten, um grandios zu scheitern. Weil sie einfach nichts getan haben.”
Du hast das Dilemma gut in Worte gefasst. Von dieser Art Mensch wimmelt es hier auf unserer Erde und ich kenne das auch. Wie sagt man es noch: Auf einen Lottogewinn hoffen, ohne jemals einen Tippschein abgegeben zu haben.
am 10. Feb 2010 um 23:33 Uhr (#)
Liegt hier auch schon ne ganze Weile rum und will von mir gelesen werden. Wie so viele Bücher. Hach ja. Mal schauen, ob ich zu Hornby bei der lit.cologne gehe, dann muss ich zumindest mal wieder das erste Kapitel lesen, so wie damals bei A Long Way Down.