Reden vs. Machen

Höher, schneller, besser, weiter. Wir liegen neben der Spur, unter der Gürtellinie und schaffen es meistens trotzdem irgendwie, die Kurve zu kriegen. “Ist das alles?” ist unsere Lieblingsfrage, weil Rien ne va plus sowas von Spielplatz ist und das hier übrigens kein Spiel, sondern bitterer Ernst. MACHEN ist das Stichwort der dritten Staffel unserer sexuellen sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” – und wieder haben zauberhafte Kollegen aus der Blogosphäre für uns die richtigen Worte gefunden.
Alle Artikel gibt es in dieser Woche zu lesen und am Ende als Podcast zum Nachhören.
Lilian von textzicke.de
Reden vs. Machen
Wir sind ein Volk von Schwätzern. Das klingt jetzt vielleicht provokativ, zumal aus der Tastatur einer textenden Blondine, ist aber so. Lasst uns also Tacheles reden (haha, gemerkt? Schon wieder so ne blöde Phrase!): Sagen ist das neue Machen – und ein verdammt armseliger Ersatz.
Geht man mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, ist Schwätzsprech überall. Beim genauen Hinhören fällt auf, wie oft das Tun im gleichen Atemzug mit Reden & Co. genannt und damit zur blutigen Theorie degradiert wird:
„Aber du hast versprochen, dass du es heute noch machst!“ heißt Enttäuschung.
„Sag das nicht nochmal, sonst passiert was!“ heißt Drohung.
„Du tust, was ich sage!“ heißt Machtspielchen.
Komisches Gefühl im Bauch? Ich auch. Deshalb lockern wir die Stimmung jetzt mit ein paar Fingerübungen aus Wortakrobats Nähkästchen.
Seziert man etwa Wörter aus der Familie „Sprechen“ unter dem obigen Aspekt, kommen interessante Zusammenhänge ans Licht. So ist die Sage ja bekanntlich der Bericht einer großen Tat – ich hingegen unterstelle dreist, dass das Grundgeschehen meist gar nicht so heldenhaft war, sondern erst durch die mündliche (hört, hört!) oder schriftliche Überlieferung aufgebläht wurde. Wenn etwas angesprochen wird, kann man davon ausgehen, dass die praktische Umsetzung noch sehr weit weg ist, weil alle feige um das eigentliche Problem herumeiern. Das Hörensagen kann man bequem als Synonym für Mumpitz verwenden. Der Sprecher eines Unternehmens würde wahrscheinlich eher heulend zu seiner Mama laufen, als Verantwortung selbst zu schultern. Und der Macho ist einer, der Machen nun völlig falsch versteht und durch schieres Klappeaufreißen ersetzt hat.
Das war aber noch nicht alles, und hier wird’s ein bisschen komisch. Seit einiger Zeit beobachte ich nämlich das Phänomen „Schweigen wäre Gold gewesen“. Im Detail meine ich damit das Herumerzählen positiver Ereignisse, das meines Erachtens unweigerlich zu deren Scheitern führt. Ihr versteht? Ein Beispiel: Läuft in meiner Be- oder der Erziehung der Brut gerade alles so richtig glatt, ist das 1. ungewöhnlich und 2. toll – bis ich, von Person X nach dem Stand der Dinge gefragt, davon erzähle. PAMM! wird innerhalb der nächsten Tage irgendwas passieren, das die ganze schöne Harmonie einfach plattwalzt. Erzähle ich im Überschwang von einem Herzensprojekt am Horizont – ZACK! wird etwas dazwischenkommen, das mich um Lichtjahre zurückwirft. Nein, mit „self-fulfilling prophecy“ hat es nichts zu tun, denn dieses ganze Gedöns ist mir ja noch nicht lange klar. Auch rückblickend war es schon immer so.
Anstrengend daran ist, dass sich das Ganze weder mit meinem optimistischen Lebensmodell noch mit meiner Eigenschaft als Plappermäulchen vereinbaren lässt. Warum soll ich meine Freude über etwas Gutes nicht teilen dürfen? Ist es der Neid der Zuhörer, der mein Glück umkehrt, auf welcher Ebene auch immer? Will mich diese Koinzidenz irgendwas über Bescheidenheit lehren? Oder muss ich einfach einsehen, dass es manchmal besser ist, die Klappe zu halten? Ich meine: ICH? Klappe halten? WTF?
Was auch immer dahintersteckt: Ich find’s scheiße und will, dass es aufhört. Tu doch einer was dagegen!
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Lilian von textzicke.de “Reden vs. Machen” @textzicke ist eine unserer erklärten Lieblingstwitterösen und außerdem noch Kräuterhexe, Flohmarktfan, Bücher-, Peperonichips-, Zitronenkuchenteig- und Lach-Junkie. Blond. Eselsohren-Knickerin und Mülltonnenrausstell-Vergesserin. Ergo: Awesome! Immer her damit! |
Von Lia R / 3. Feb. 2010 / 1:49 Uhr






→ am 3. Feb 2010 um 12:25 Uhr (#)
Das Phänomen ist natürlich bekannt und es gibt kein Heilmittel dagegen (es braucht Männer für solche klaren Aussagen). Man darf in erster Linie nicht als Schisser oder Schisserin davor einknicken weil das zu schrecklichen sozialen und persönlichen Deformationen führt. Das sind dann die Leute die schon in der Schule so unfassbar genervt haben weil allen klar war, dass die wieder ne eins einfahren und die dennoch so rumgetan haben als wären sie total unsicher und bestimmt gescheitert diesmal. Souverän ist sich freuen weil man denkt man wäre ganz ok vorbereitet gewesen und dann aufrecht untergehen.
Denn das von Dir geschilderte Phänomen kann nur mit Verschwendung in Schach gehalten werden. Also noch mehr Glücksphantasien, Projektideen, Kinderstatusmeldungen raushauen und von dem Scheissmechanismus zugrunde gehen sehen. Man sollte sich dabei wie so einen General an der Westfront in der Schlacht von Versailles sehen. Anders geht es nicht.
→ am 3. Feb 2010 um 12:31 Uhr (#)
Was ein wunderbarer Text, Lilian! Zu dem rätselhaften Phänomen: Also wenn’s nicht gerade die Gesprächspartner waren, die dazwischengefunkt haben, dann würd ich sagen ist eine Aufmerksamkeitssache. Wie beim Schlangestehen an der Kasse (was genauso häufig passiert aber mehr wahrgenommen und gemerkt wird als schnell Durchkommen).
→ am 3. Feb 2010 um 12:43 Uhr (#)
ich hab meinem Sohn gesagt, sprich nie über deine Pläne .
→ am 3. Feb 2010 um 16:59 Uhr (#)
Ha – das kenne ich; und habe es früher auch so ge- und erlebt. Bis ich mal dahinter kam, dass es sich um eine meiner vielen unsinnigen Überzeugungen handelte. Na ja, irgendwie wurde mir das schon als Kind so beigebracht und ich fand es dann immer wiederbestätigt. “Wenn´s mir so richtig gut geht und alles nach meinem Geschmack läuft, bloss nicht darüber reden, sonst kommt das Glück in´s stolpern”
Die unsinnige Überzeugung dahinter habe ich als ein ganz bestimmtes gefühl erlebt – Angst. Nun, die Überzeugung iist ja völlig unbemerkt in und mit mir gewachsen. es wurde mir immer so vorgeplappert und ich habe das dann als “normal” angesehen. Wenn man im Moment des aussprechens aber mal ganz bewusst hinschaut (oder hinhört) dann bemerkt man ganz leise und tief im inneren die aufkeimende Angst. “Schei.., jetzt habe ich darüber gesprochen und erfahrungsgemäß passiert jetzt was”. Oder, “immer wenn es mir so richtig gut geht, kommt wieder irgend ein Hammer der das gute Gefühl danieder macht”
Als ich das für micht durchschaut hatte, fing ich an das Ganze mehr bewusst zu erleben. Ich habe die Angst hinterfragt. Und siehe da, wenn es keine plausiblen Gründe für die Angst gab, blieb die drastische wende des Glücks meist aus. Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass das Leben viel mehr durch Gefühle gestaltet wird wie durch alles andere. Gute Gefühle bringen gute Ergebnisse und Angst bringt Situationen die mich ängstigen. Und das hat nichts mir irgendwelchen esoterischen theorien zu tun, sondern sind ganz banale Beobachtungen des Geschehens.