Anders machen
1. Feb 2010 | in stories | 5 Kommentare

Höher, schneller, besser, weiter. Wir liegen neben der Spur, unter der Gürtellinie und schaffen es meistens trotzdem irgendwie, die Kurve zu kriegen. “Ist das alles?” ist unsere Lieblingsfrage, weil Rien ne va plus sowas von Spielplatz ist und das hier übrigens kein Spiel, sondern bitterer Ernst. MACHEN ist das Stichwort der dritten Staffel unserer sexuellen sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” - und wieder haben zauberhafte Kollegen aus der Blogosphäre für uns die richtigen Worte gefunden.
Alle Artikel gibt es in dieser Woche zu lesen und am Ende als Podcast zum Nachhören.
Martin von thestiller.de
Anders machen
„Was würdest du anders machen? Wenn du die Chance hättest?“
Ich lege meine Stirn in Falten. Greife mir grüblerisch ans Kinn. Und lächle: „Nichts!“
Doch so einfach ist das gar nicht. Dabei geht es nicht einmal um Dinge, die man getan hat. Die erste abgebrochene Hausarbeit, die nur der Anfang einer ganzen Sammlung unfertiger Werke war. Die Partyknutscherei auf dem 18. Geburtstag der besten Freundin – mit ihr. Den Auftritt der Lieblingsband auf einem Festival, der Grund dorthin zu fahren, betrunken verschlafen. Lappalien. Shit happens, fuck it! Dazu können wir doch alle stehen. Vielleicht hatte es ja irgendeinen Sinn. Zu wissen, dass das Studium nichts taugt, die beste Freundin eben wirklich nur eine platonische Freundin war und die Band rotzedicht einen völlig miesen Gig gespielt hat. Kein Grund irgendetwas zu bereuen.
Ganz anders schaut es aus bei den Dingen, die man nicht getan hat. Inter-Rail nach dem Abi? Das Studium geschmissen und eine kreative Ausbildung statt dröger Theorien angefangen? One-Night-Stand mit der tatöwierten Brünetten im Bob Dylan-Shirt auf irgend so ner Party? Lotto spielen, wenn die eigenen Glückszahlen gezogen werden? Nichts davon gemacht?
Wir lassen Chancen jeder Art aus. Viele unbewusst. Das ist auch vielleicht gar nicht wichtig. Aber was ist mit den bewusst verpassten Möglichkeiten? Aus moralischen Gründen. Geldmangel. Angst. Oder Bequemlichkeit. Ist es nicht viel schwierig damit umzugehen als mit den Dingen, die man gemacht hat? Nicht zu wissen, wie das Leben verlaufen wäre? Vielleicht keine so tolle Story in der Hinterhand zu haben, wie all die Backpacker, Freelancer, Abschlepper? Gut, so wie die Abschlepper will ja eh keiner sein der halbwegs noch alle Leitungen im Kopf verlötet hat.
Hier gilt es Stärke zu beweisen. Nichts zu bereuen. Sein Leben zu bejahen und zwar das jetzige, nicht das hättewennundaber-Leben. Auch wenn Kollegen oder Bekannte ihre Geschichten auspacken und von ihren vermeintlich aufregenden Erlebnissen berichten. Hochzeiten, Geschäftsreisen nach Übersee, Topnoten, dem 100. Sexpartner. Es ist wie in der Schulzeit. Wenn die Oma fragt, warum ihr in Mathe nur eine 3 hattet und keine 2 wie eure Cousine. Dann habt ihr doch auch gelächelt und geantwortet, dass ihr euch über eure 3 freut. Und außerdem im Gegensatz zur Realschul-Cousine aufs Gymnasium geht. Also, bereut nichts. Nicht die Dinge, die ihr gemacht habt und vor allem nicht die Dinge, die ihr nicht gemacht habt. Und lächelt.
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Martin von thestiller.de “Anders machen” Fiesta-Fahrer. Kaffeetrinker. Musiksammler. Faible für Graphic Novels. Nintendo-Freund mit ‘ner PS2-Affäre, sagt der Herr über sich selbst. Schnieker Schreiber, sagen wir - und das geht natürlich runter wie Öl. Oder? |


















am 2. Feb 2010 um 11:56 Uhr (#)
word!
am 2. Feb 2010 um 18:06 Uhr (#)
JA! <3
aber es ist nicht wirklich einfach, das zu machen, finde ich. ich muß mich z.b. immer wieder daran erinnern und ertappe mich oft dabei, ‘hätte’ zu denken.
[wie auch jetzt mit den katzen und der sch*iß-allergie der vermieter und meiner dämlichen blauäugigkeit... aber vielleicht beschert mir ja gerade das einen wochenlangen trip ins nirgendwo? ;)]
am 4. Feb 2010 um 19:46 Uhr (#)
das ist ja witzig - da wird ein artikel geschrieben und dann einfach vergessen…
am 5. Feb 2010 um 16:37 Uhr (#)
Sehr wahr, aber oft sehr umzusetzen, das Lächeln.
am 7. Feb 2010 um 12:47 Uhr (#)
Tut gut!