Howard, my hero

Meine erste traumatische Radio-Erfahrung hatte ich vor gefühlt hundert Jahren, als ich kurz nach dem Abi mein erstes Praktikum bei einem Sender machte, dessen Name nicht genannt werden will (ja, ich weiß, ich mache gerade Vergangenheitsbewältigung. Muss an der drohenden Tiefenpsychologie-Klausur liegen). Dass die süße kleine Lia mit Chucks und Dreads morgens fröhlich fäkalwörterschleudernd im Studio stand und so schreckliche Dinge wie “Justin Timberlake war richtig angepisst, weil …” ins Mikro flötete, taugte dem katholischen bayerischen Programmchef, der penibel darauf achtete, dass die Mikros seines Teeniesenders jeden Morgen mit Weihwasser poliert waren, damit der liebe Jesus nicht sauer wurde, natürlich gar nicht.

Aber wenn ihr jetzt schon denkt, dass ich oh so ‘ne krasse Sau bin, dann solltet ihr euch dringend mal “Private Parts” angucken. Der eigentlich absolut übelst schlecht gedrehte Film, der versucht, eine Doku über Howard Stern zu sein, in dem die Hautpersonen auch noch sich selbst spielen, lief natürlich nicht umsonst am letzten Wochenende irgendwann nachts um drei - und war trotzdem definitiv das Highlight des Tages. Ich weiß nicht, ob man den Typen auch außerhalb der seltsamen Radiolandschaft kennt - aber Leute, glaubt mir, wenn es einen Funkwellen-Gott da draußen gibt, dann ist das Mister Stern.

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“Haben Sie da gerade Hoden im Radio gesagt?”

Die Titel, die Google auf der ersten Seite über ihn ausspuckt, sind erstmal nicht ganz so heftig. Aber sowas wie “König der Medien” und “Reichster Radio-DJ der Welt” ist ja für den Anfang auch nicht schlecht, oder? Jedenfalls hat Howard Stern es geschafft, der Mod-Macker überhaupt zu werden - und zwar nicht mit dem Stock-im-Arsch-Charme eines Weichspül-Ansagers, sondern mit der unglaublichen Tatsache, dass er sagt, was er denkt. Also, was er wirklich denkt. Und wenn gerade Wörter wie Titten, “Kill the white men”-Parolen, kleine Schwänze oder Sperma in seinen Gedanken rumspuken, dann ist das halt so.

Seine Radio-Karriere startete er in den Seventies in Detroit und Washington, ließ schon mal Dominas, Gott oder wahlweise auch eine imaginäre schwarze Braut, die gerne alle Weißbrote töten würde, das Wetter ansagen, diskutierte mit seiner Nachrichtenlady darüber, dass er seit ‘ner Woche nicht zum Stich gekommen ist und röhrte so lange ins Mikro, bis eine seiner notgeilen Hörerinnen, die auf der heimischen Box saß, live on air via Telefon einen Orgasmus bekam. Und das durfte er auch - weil seine Zahlen rekordverdächtig waren. Also sagt der gute Howie natürlich auch nicht nein, als ihm ein fetter Sender namens Doubleyouääääääääähnbeecee in New York (die absolut üble Schreibweise versteht ihr übrigens nur, wenn ihr euch das Video anguckt. Also tut es.) einen 3-Jahres-Vertrag anbietet:

 

Dass nach dieser Szene der ultimative Mega-Krieg zwischen Howard und dem bösen Programmchef ausbricht, ist nicht wirklich verwunderlich. Die erste Erziehungsnahme besteht daraufhin darin, ihm erstmal ‘ne Liste mit absoluten Tabu-Wörtern in die Hand zu drücken und nur allein deshalb geht es gleich überragend weiter:

 

Und weil er gerade wegen solcher Nummern der meistgehörte Radio-DJ New Yorks wird, bekommt Howard Stern die ultimative Redefreiheit und darf den Amis bis heute via Satellit in die verklemmten Gehirnwindungen spucken. Er lässt sich von ‘ner geilen Braut im Studio zeigen, dass sie sich ‘ne 23-Zentimeter-lange Brühpolnische die Kehle pressen kann, erzählt von seinem “Leute, ich hab volle sechs Zentimeter”-Schwanz, während ein Pornostar im Studio auf ihm sitzt, fragt Pamela Anderson am Telefon, ob sie sich eigentlich jetzt wirklich das Silikon aus den Möpsen hat saugen lassen, lässt alles politisch Unkorrekte ab, was man sich vorstellen kann, diskutiert mit Rentnerinnen über Gummis und taucht in David Lettermans Show mit einem Shirt auf, das das Gesicht seines Chefs mit dem Schriftzug “Ich hasse ihn” zeigt - und so weiter. Hören wir lieber auf, bevor ich in blinde Schwärmerei abdrifte.

“Wissen Sie, was Sie sind, Howard? Sie sind der fucking Antichrist!”

2004 unterschrieb Howard Stern jedenfalls beim Bezahl-Radiosender Sirius einen 500-Millionen-Dollar-Vertrag und wenn das nächste Mal wieder ein deutscher Programmchef der den Namen Schweinekotze ebenfall verdient hätte, auf einem Medienforum die alte “Warum klappt das denn beiden Amis und warum losen wir so ab. Mimimi.”-Leier auspackt, sollte man ihn eigentlich gefesselt vor einen riesigen Bildschirm setzen, auf dem in Endlossschleife “Private Parts” läuft und ihm ständig vorsagen: “Weil du in den Eighties nicht die Eier dafür gehabt hast, so ‘nen Jungen mal machen zu lassen”.

Damit ist eigentlich alles gesagt. Außer natürlich, dass ich, sollte ich jemals ein amerikanischer Pornostar werden, sofort in Howards Show kommen würde. Klar doch. Und auch alle Leser ohne funkwellenverseuchten Hintergrund sollten sich einen kleinen imaginären Stern-Schrein in einer besonders gemütlichen Gehirnzelle basteln. Weil wir von Howard lernen können, dass man nicht immer eine eintönige Uniform über sein knallbuntes Ich werfen muss, um the next big thing zu werden - worin auch immer. Natürlich ist es viel leichter, es mit einem schwarzen Pulli zu versuchen, wenn man weiß, dass die zehn anderen großen Checker vor dir damit locker in Richtung Zielgerade geschwebt sind.

Aber das Gefühl, kilometerlangen Erfolg mit dem zu haben, wofür dein Blut kocht, dein Herz schlägt, mit etwas, woran du dein Leben lang geglaubt hast und du bis an die Zähne bewaffnet verteidigen würdest, weil das, was du tust, einfach zu hundert Prozent das verkörpert, was du bist, muss dagegen so ungefähr der größte Flash sein, den das Leben so zu bieten hat. Als Belohnung könnten ja - wie man sieht - noch dazu durchaus auch Props, Pornostars und das Ding mit der 23 Zentimeter langen Brühpolnischen winken. Na, wär das was für euch?

Von Lia R / 13. Jan. 2010 / 1:56 Uhr

 

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Kommentare zu Howard, my hero

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  1. stiller

    → am 13. Jan 2010 um 12:25 Uhr (#)

    Private Parts ist super. Auch wenn ich noch nie ne Howard Stern-Radioshow gehört habe. Schon ziemlich bemerkenswert das alles. Und ich überleg mir jetzt mal, was mir lieber wäre. Lia als amerikanischer Pornstar oder doch als revolutionäre Radiotante im Bayrischen Rundfunk.

  2. Berit

    → am 14. Jan 2010 um 19:09 Uhr (#)

    Chapeau!

  3. Deniz

    → am 25. Jan 2010 um 00:27 Uhr (#)

    yeahh der ist gooil!


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