Ich, er und die anderen
7. Jan 2010 | in stories | 6 Kommentare
Eine wahre Geschichte aus der Realfilmwelt.

Erstens
Die Nullerjahre befanden sich noch in ihren Kinderschuhen und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für das Aufrechterhalten der ersten post-tanzkursmäßigen Bande einer Jungs-Mädels-Clique, die auf zwei Bushland-Landkreise ohne nennenswerte Bus- und Bahnverbindung verteilt war, war ICQ neben der Schule das Kommunikations-Medium meiner Ugly Teen-Jahre. Das Ahhoo-Geräusch könnte man durchaus als prägende Nach-Kindheitserinnerung bezeichnen.
Zweitens
Aber eigentlich beginnt diese Geschichte nicht mit einem Chat, sondern einer Schnitzelsemmel in der großen Pause. Vielleicht muss man zum besseren Verständnis noch Folgendes vorwegschieben: Das mit dem Tanzkurs und den damit verbundenen FreitagsSamstagsDienstags-Parties ist für mädchenschulengeplagte Kleinstadt-Beinahe-Teenies sowas wie das erste Schnuppern von Flatrate-Saufen und wildem Sex auf dem Dissen-Klo. Ähem. Außerdem dachte man damals noch, dass Alcopops sowas wie Bionade sind und legte uns an der Bar quasi eine Rigo-Pipeline. Möglicherweise auch ein Grund.
Die Schul-Pausen durften wir damals übrigens trotz streng getrennter Klassen mit den Jungs (ja, denen aus dem Tanzkurs) verbringen und vielleicht lag es an der Pipeline, aber ich kann mich wirklich nicht mehr daran hindern, wie es dazu kam, dass meine beste Freundin und ich uns an einem der der Samstagabende dazu verpflichten ließen, uns hysterisch kichernd in der nächsten großen Pause in den Testosteron-Bereich zu begeben und ihm das heißbegehrteste Teil aus der Futtertheke des Hausmeister auszugeben. Und ich will nicht übertreiben, aber man könnte durchaus sagen, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft war.
Natürlich nicht gleich. Während wir Görls den nächsten logischen Schritt unternahmen und ihn im ICQ addierten, beschränkten sich unsere Sozialkontakte auf ein schüchternes Zuwinken von Montag bis Freitag zwischen zehn Uhr fünfzehn bis zehn Uhr fünfunddreißig. Außer an den DienstagFreitagSamstagabenden natürlich, weil der Rigo das möglich machte, was in der großen Pause gar nicht gehen würde. Mit ihm und den Jungs reden zum Beispiel.
Treffen bei Tageslicht gab es natürlich auch, weil der Stadtpark gleich neben unserer Schule war und das schon allein ein Grund ist, sich nach der Schule mit einem Bier dort niederzulassen. Ja, ohne ICQ und Alkohol hätte die Geschichte wahrscheinlich gar nicht stattgefunden.

Drittens
Dem hochprozentigen Gott sei Dank - mit den Jahren verschwand auch der Peinlichkeits-Stock aus unseren süßen kleinen Ärschen und er, die Jungs und wir hatten uns in die fünf superbesten Freunde verwandelt. Plus minus der jeweiligen BFs und Gelegenheitskumpels, aber wir waren sowas wie der harte Kern mit einem festen Terminplan: Nach der Schule Park, dienstags was mit Cocktails, donnerstags das, am Wochenende sowieso, im Frühling Zelten, im Sommer Festival, Urlaub sowieso.
Und während du unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer sitzt und genüsslich zuguckst, wie er - mittlerweile einer deiner superbesten Dudes, der niemals da wäre, wäre da damals nicht die Schnitzelsemmel gewesen - die millionenschwere Terrasse von Xs Eltern mit einer schlieriggelben Kotzeschicht überzieht, glaubst du, wenn das nicht für immer ist, was dann?
Viertens
Er war nie einer von diesen Typen, so wie unsere anderen superbesten Freunde. Definitiv eher Spock als Kirk. Der, der auch in einer schlaflosen Nacht noch online war. ICQ war natürlich immer noch aktuell, klar. Der, vor dem einem nie irgendwas peinlich war, weil man immer im Kopf hatte, ach, der ist doch selbst so ‘n Freak.
Deshalb dachte ich auch nach fünf Long Island Ice Tea noch, dass das Ganze kurz nach dem Abi noch eine von diesen praktischen “Ich penn’ dann mal bei dir”-Übernachtungen werden sollte, bei denen man morgens aufwacht und genauso beschissen aussieht wie man sich fühlt. Irgendwann knutschten wir - und ich war hin- und hergerissen. Spannung und Sorge? Gut oder schlecht? Schön oder - ach, scheiße. Natürlich dachte ich in diesem Moment an gar nichts.
Und weil es nicht beim Knutschen blieb und aus einem zwei, drei, vier und so Mal wurde, hatten wir logischerweise was am Laufen. Ich vögelte also einen meiner superbesten Freunde und hatte keinerlei moralische Bedenken. Heimlich übrigens auch noch, weil mein frisch gekürter Ex-Freund mit den Jahren quasi zum harten Kern gehörte. Hier müssen wir kurz einhaken, denn “Und du kamst dir wirklich nicht irgendwie schlecht vor deswegen?”, ist an dieser Stelle die häufigste Frage.
Und die Antwort lautet: Nein, verdammt. Es war Sommer, ich war jung und hatte das heißeste heimliche Ding meines bisherigen Lebens am Laufen. Warum hätte ich mich als bekennender Egobatzen auch nur eine Sekunde scheiße fühlen sollen? An dieser Stelle die Moralkiste auszupacken ist doch nur der übliche Pseudomechanismus der Betroffenen, die eigentlich auch nur rumficken wollen, aber mit dieser Art von Selbstgeißelung eine wunderbare Rechtfertigung vor sich selbst gefunden haben.
Richtig schön wird es erst, wenn man seinen Wunsch nach Vögelei nicht mehr vor sich selbst rechtfertigen muss und deshalb kann ich nur eine Empfehlung aussprechen: Wirf die Moral ins Klo und drück zweimal auf den Spülknopf.

Fünftens
In einer Stadt, die genauso viele coole Clubs besitzt wie American Apparell-Filialen (nämlich keine) und man die Orte, an denen man wirklich bleiben will, an einer Hand abzählen kann, eine Art Vögelei mit Extraleistungen sogar vor den Lieblingsmenschen geheimzuhalten, klingt unmöglich, funktioniert aber tatsächlich.
Wenn die Luft nach Freibad, Eis, Endlos-Ferien und der kleinstädtischen Form von Freiheit schmeckt, entwickelt man Strategien, auf die selbst ein Kreativdirektor der heftigsten Sorte neidisch geworden wäre.
Das Problem an der Sache war nicht etwa, dass wir das Spiel unglaublich stressig gefunden hätte (ganz im Gegenteil), sondern dass aus dem Spiel Ernst wurde. Also nicht so, wie ihr jetzt denkt, Ernst ist jetzt nicht etwa fünf Jahre alt - ich meine damit die andere dreiwortartige Form von Ernst. Wenn du gerade auf seiner Couch liegst und zum dritten Mal ein Film auf dem Notebook läuft, von dem du mal wieder absolut nichts mitbekommen hast, kann ein “Ich liebe dich” von seiner Seite das Ganze eigentlich nur noch perfekt abrunden. Oder abgrundtief in die Tonne kicken. Natürlich war es Letzteres, eigentlich, aber das wollte ich damals noch nicht wahrhaben. Weil man natürlich erstmal geehrt ist, sich wie die eine aus dem Vorabendprogramm fühlt und denkt, hey, was muss ich doch für eine geile Sau sein.
Die Erwartungen, mit denen wir daraufhin zwei Wochen lang in den Urlaub mit den anderen superbesten Freunden loszogen, waren dementsprechend nicht turm- sondern gebirgshoch. Vielleicht könnte ja daraus wirklich was werden, dachte ich und in diesem Moment müssen wohl die von GZSZ umgepolten Areale meines Gehirns durchgeschlagen haben. Wir waren immer noch heimlich unterwegs, aber zwischen Strand und Pizza automatisch vom Unverbindlichkeits- in den Pärchenstatus gerutscht. Und weil man glaubt, dass er ja auch und so, lehnt man sich zurück, rutscht von der dümpelnden Luftmatratze und taucht auf einmal mitten in den Pool aus Verblendung und tiefster Verknallheit. Und er findet das toll, weil Bestätigung immer was für sich hat.

Letztens
Natürlich ging es schief. Also glaube ich zumindest, ich hab nämlich leider nicht mehr mit ihm darüber gesprochen. Ich habe mit wahnsinnig peinlichen Aktionen meinerseits versucht, ihn zu einer Aussprache zu bewegen. Fehlanzeige. Und deshalb habe ich nie kapiert, warum wir das letzte persönliche Wort auf der Heimfahrt gewechselt haben. Ich habe auf seiner Schulter geschlafen und mich von ihm verabschiedet. Danach war ich raus. Es gab keinen Streit. Keine Meinungsverschiedenheit. Ich habe übrigens auch bis heute absolut keine Ahnung, warum er sich von einer Sekunde auf die andere dazu entschieden hat, mich bis auf sein Lebensende zu ignorieren.
Don’t hate the player, hate the game
Und natürlich endet die Geschichte heulend in den Armen eines anderen superbesten Freundes, der sich das alles schon irgendwie zusammengereimt hat, wenig tröstend erklärt: “Aber du weißt doch, wie er ist (Er war nie ja nie einer von diesen Typen. Definitiv eher Spock als Kirk.)” und sauer ist, weil er jetzt zwischen den Fronten steht. Und überhaupt, weil auf einmal keiner der superbesten Freunde mehr weiß, auf welche Seite er sich schlagen soll.
Die Dudes von damals gehen heute, Jahre später, übrigens längst ihre eigenen Wege. Natürlich ist noch mehr passiert als die verunglückte halbe Liebesgeschichte zwischen Spock und mir, aber das war wohl der erste Schnitt durch das emotionale Panzertape, dass die Superbesten zusammengehalten hat.
Ohne Vorahnung vom Wolken- in den Hundehaufen-Modus katapultiert zu werden, war ein besonders fieser Schlag in die Fresse. Doch das eigentlich Tragische daran ist, dass die fünf superbesten Freunde nie wieder zu dem geworden sind, was sie früher mal waren. Und das kann man eigentlich gar nicht Worte fassen. Weil die Superbesten einfach die Superbesten waren. Aber das Leben ist wohl genau so eine Bitch wie ich.
Bild: Made Underground / gwennypics / alicia rae / metaldoll via flickr

















am 7. Jan 2010 um 04:16 Uhr (#)
Gefällt mir sehr gut
am 7. Jan 2010 um 12:48 Uhr (#)
Zu lustig! Und kommt mir auch etwas bekannt vor…
am 7. Jan 2010 um 16:36 Uhr (#)
“..vom Wolken- in den Hundehaufen-Modus katapultiert zu werden ..” schön umschrieben.
am 7. Jan 2010 um 17:08 Uhr (#)
schön geschrieben. ich mags. danke
am 9. Jan 2010 um 01:21 Uhr (#)
einfach köstlich!! wie war!
am 10. Jan 2010 um 17:30 Uhr (#)
wirklich grandios! vor allem die “rigo-pipeline”, da finde ich mich selbst doch in dem text wieder..