Einchecken. Auschecken. Warten.

Überall wären alle Möglichkeiten / Zwischen perfekt und schlecht liegen gute Zeiten / Die Geschichte spielt nicht ohne uns / Wer wenn nicht wir / Wo wenn nicht hier / Wann wenn nicht jetzt / Ans Ende denken wir zuletzt [Sportfreunde Stiller]
Kurz vor der alljährlichen Endzeitstimmung mit Böllern, Bitches und Brühe-Fondue, in der uns die guten Vorsätze langsam berieseln und 2010 genauso verlockend wie ein frisch gefallenes Feld Neuschnee vor uns steht, stellen wir in der zweiten Staffel der sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” die entscheidende Frage: WANN?
Alle Artikel gibt es in dieser Woche zu lesen und am Ende als Podcast zum Nachhören.
Franzi von indigoidian
Einchecken. Auschecken. Warten.
Eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Wann?
Zwei Drittel meines Lebens habe ich bisher mit Warten verbracht. Warten auf die unterschiedlichsten Dinge. Ich habe mehr gewartet als alles andere.
Es sind alltägliche Situationen, die mir aufzeigen, wie oft und wie lange ich eigentlich auf irgendetwas oder irgendwen warte und im Nachhinein stelle ich fest, dass das irgendwie kein richtiges Leben ist und das würde ich auch gerne den anderen mal sagen, die mit mir warten. Den Leuten vor oder hinter mir in der Schlange.
Ich warte dass es weitergeht, dass ich drankomme, dass die Rentnerin vor mir endlich bezahlt, dass die Sprechstundenhilfe meinen Namen aufruft. Und dann warte ich noch mal, dass der Arzt kommt – er kommt nie zeitnah - und darauf dass er mir ein Rezept ausstellt oder mir sagt, ich solle in die Apotheke gehen und nach Umckaloabo fragen. Dabei dachte ich, es wäre etwas ernsteres als eine Entzündung des Rachens und dass ich jetzt vielleicht die nächsten zwei bis sechs Monate damit verbringen würde, auf den mir bevorstehenden Tod zu warten.
Jede Nacht warte ich sechs bis acht Stunden darauf, dass ich endlich aufwache und dann warte ich doppelt so lange noch mal darauf, endlich wieder einschlafen zu können. Unterbrochen werden diese Phasen von Phasen des Essens, Pinkelns und Arbeitens, wobei ich nicht genau weiß, welches dieser drei bei mir am meisten Zeit in Anspruch nimmt.
Am schlimmsten sind Situationen an der Tankstelle. Ich nehme kilometerweite Umwege in Kauf, weil ich das Gefühl habe, dass die Zapfsäulen der Tankstelle am einen Ende der Stadt schneller arbeiten als die Zapfsäulen der Tankstelle am anderen Ende der Stadt. Ich ertrage es nicht der Anzeige mit schmerzverzerrtem Gesicht dabei zuzusehen, wie sie sich quälend langsam nach oben bewegt, bis ich 25 Euro zusammen habe, denn ich tanke fast immer für 25 Euro.
Neulich fiel mir auf, dass abgesehen von den Zapfsäulen am anderen Ende der Stadt auch der Computer mein Feind ist. Er lässt mich warten. Ich fahre ihn hoch. Ich warte. Ich warte auch beim Runterfahren, denn manchmal kommt da noch eine Fehlermeldung und er fährt nicht einfach so runter; ich muss ihm das dann erst sagen. Wenn er ohne Ankündigung abstürzt, ist es irgendwie fast wie eine Erlösung. Dinge sollten oft ohne Ankündigung passieren, denke ich mir manchmal.

Warten. Darauf dass etwas auf geht oder zu geht oder los geht oder einfach weiter geht. Aber oft geht es erstmal nicht weiter und diesen ewig langen Moment gilt es zu überstehen. Augenblicke am Bankautomaten – eine Zerreißprobe. Sex: Wenn man sich nicht gerade in völliger Besinnungslosigkeit oder am Rande einer Ohnmacht befindet, wartet man. Dazwischen gibt es nichts. Mikrowellengerichte. Der natürliche Feind derer, die ungern warten, sozusagen der natürliche Feind der Menschheit. Zwar gehen sie schnell und bringen einen auch meist nicht um, aber man fühlt sich in diesen drei Minuten irgendwie stumpf und leblos und dann beginnt man die Küche halbherzig aufzuräumen, weil es einem unmöglich erscheint zu warten.
Die Frage, die der Mensch sich im Laufe eines Lebens am meisten stellt, ist die Frage nach dem „Wann“. Dann kommt ganz lange nichts mehr. Erst später folgen dann Fragen wie „Wer?!!!?“ und „Warum denn das jetzt?!!!“ Oder „Was hat er sich denn dabei gedacht?“
Die Antworten, die wir relativ häufig zu hören bekommen, lauten „Erstmal nicht“ oder „Später“ oder auch „kommendes Frühjahr“. Mein Vater antwortete früher immer, wenn ich ihn auf sonntäglichen Spaziergängen zusammen mit meiner Schwester - bei der er uns ausnahmslos immer Baumsorten erklärte und etwas für uns schnitzte – fragte, wann wir wieder zu Hause sind, mit den Worten „Bald“ oder „Nach der nächsten Kurve.“ Das war unbefriedigend.
Ich habe mir dann irgendwann angewöhnt nicht mehr danach zu fragen. Ich habe mir Baumsorten erklären lassen und darauf geachtet, dass ich mit meinen zwei ungelenken, kleinen Füßen nicht auf die Fresse fallen. Ich bin häufig auf die Fresse gefallen. Meine Sommerferien verbrachte ich oft mit der quälenden Frage, wann es endlich aufhört weh zu tun und zu bluten und anschließend zu eitern.
Während wir auch im Erwachsenenalter uns selbst oft mit der Frage konfrontieren müssen, wann es aufhört weh zu tun, lernen wir scheinbar, dem ganzen mit Ablenkungsmanövern aus dem Weg zu gehen, die letztendlich auch wieder nur in erneutem Warten enden.
Das Leben ist letztendlich: Einchecken. Auschecken. Und warten.
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Franzi von indigoidian “Einchecken. Auschecken. Warten.” Franzi von indigoidian schiebt beruflich Pixel von der einen in die andere Ecke und schreibt seit 2005 ins Internet. Auf ihrem Blog finden sich sexuelle Zitate, Fundstücke und Wahnsinns-Texte. |
Bild: gagilas / fernando / Matheus Sanchez / elbragon via flickr
Von Lia R / 30. Dez. 2009 / 1:55 Uhr






→ am 30. Dez 2009 um 10:19 Uhr (#)
Franzi wie sie lebt! Sehr cool. Und ich glaube, wer dieses Delirium des Wartens überstanden hat, der lebt glücklicher. Kinder sind sehr auf Ereignisse fixiert. Können aber gleichzeitig schon den Weg genießen. Erwachsene sind fast nur noch auf, wenn auch etwas andere, Ereignisse abgestimmt.
Der Weg ist das Ziel!
→ am 30. Dez 2009 um 11:55 Uhr (#)
toller text! und so wahr…
→ am 30. Dez 2009 um 12:49 Uhr (#)
Ich mag den Text! Nur würde ich gerade nicht so enden wollen wie er.
→ am 30. Dez 2009 um 19:47 Uhr (#)
Klasse geschrieben, sehr wahr, toller Beitrag!
→ am 30. Dez 2009 um 21:56 Uhr (#)
[...] Einchecken. Auschecken. Warten. [...]
→ am 1. Jan 2010 um 11:21 Uhr (#)
Schön geschrieben! Guter Text! Eine seltene Perle des Mitmachinternets…
→ am 8. Jan 2010 um 23:26 Uhr (#)
Das ganze Leben ist doch letztlich bloss eine Warterei auf den Tod und das Nichts. Schöne Aussicht.