Du bist so retro

Überall wären alle Möglichkeiten / Zwischen perfekt und schlecht liegen gute Zeiten / Die Geschichte spielt nicht ohne uns / Wer wenn nicht wir / Wo wenn nicht hier / Wann wenn nicht jetzt / Ans Ende denken wir zuletzt [Sportfreunde Stiller]
Kurz vor der alljährlichen Endzeitstimmung mit Böllern, Bitches und Brühe-Fondue, in der uns die guten Vorsätze langsam berieseln und 2010 genauso verlockend wie ein frisch gefallenes Feld Neuschnee vor uns steht, stellen wir in der zweiten Staffel der sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” die entscheidende Frage: WANN?
Alle Artikel gibt es in dieser Woche zu lesen und am Ende als Podcast zum Nachhören.
Lia von sdbr
Du bist so retro
Partytechnisch ist Weihnachten da, wo alle sind. Man hat sich mehrere Monate nicht gesehen, vielleicht sogar ein Jahr, und das bedeutet Leber raus, Titten runter, Hosen her. Oder so ähnlich. Und eigentlich auch: Bisher. Denn man wird älter und mit den Jahren, die man so hinter sich herschleppt, steigt auch die Zahl der Sätze, die mit “Weißt du noch, damals …” anfangen.
Die Geschichten drehen sich um Erdbeeren, Menschen vor dem WG-Fenster, Sahne, Küchen und die Vermeidung von Schimmelentstehung, wenn man das Geschirr einfriert, immer am Samstag, am Puls der Pöbeleien, obwohl man eigentlich bekifft auf der Couch lag, aber egal, und als wir da waren, warte mal, wann war das doch gleich und er so und ich so und weil man unaufgefordert mit einem Bier nach dem anderen versorgt wird, dauert es eigentlich nur noch einen Wimpernschlag: Der Vodka spritzt wie die Gedärme nach einem Zombiebiss und plötzlich bist auch du eins der grauenhaften Woo Girls aus “How I Met Your Mother”.
Und weil dieses Jahr alles anders sein soll, als sonst (und weil man nach den sechsundreißigstündigen Sitzungen am Esstisch, in denen man geschaufelt hat, als stünde sowas wie ein bayerisches Ramadan drohend vor der Tür, nicht nur Rücken und Sodbrennen hat, sondern sich eigentlich am liebsten mit einem Kran ins Bett hieven lassen würde) entschließt man sich plötzlich zu dem irrwitzigen Vorhaben, dem favorisierten Club und seinem spieluhreffektmäßigen Elektro-Klick-Klack den Rücken zu kehren und stattdessen in einen anderen Club zu gehen. Der, der heute einen gelben Smilie am Arsch kleben hat. Denn es ist Neunziger-Party.
An dieser Stelle würde man den Leser ja eigentlich bitten, sich imaginär ein paar Hitchcock-Töne in sein Trommelfell zu implantieren. Aber in dieser Nacht denkt man natürlich nicht daran, weil man sich ja - siehe oben - in einen wooenden Zombie verwandelt hat, der bereits mit den anderen versucht, die letzten Zeilen von “Barbie Girl” zu rekonstruieren und an der Garderobe schon mal die eingefrorenen “Macarena”-Moves wieder auspackt. Oder erinnert sich noch jemand an den sogenannten “Electric Slide”? Grauenhaft.
Und während man bei “Smells Like Teen Spirit” noch angenervt an der Bar steht und sich wie immer über die Dorf-Coverbands beschwert, die einem dem Song versaut haben, zappelt man im nächsten Moment schon zu einem Eurodance-Klassiker schwitzend ganz vorne und macht sich zum Horst. Bei vollem bierseligen Bewusstsein.

Wer hat deine lang gepflegte und liebevoll gehätschelte Subkultur-Attitüde eigentlich gegen “Mr Vain” ausgetauscht (und vor allem: Wann?!)? Denn als Teenie in den Nachwehen der Neunziger war man doch so ziemlich alles - außer Fan von DJ Bobo. Doch das ist hier und heute egal, weil die Cool Kids von früher im “Bravo Hits”-Kollektiv “Everybody” und “Angels” mit theatralischen Gesten grölen, während schon das Licht angegangen ist, weil man sich in Bavaristan eben doch noch auf die gute alte Sperrstunde verlassen kann.
Irgendwann trennen sich die Wege. Man hat schmerzende Mandeln und keine Ahnung woher und freut sich doch darüber, denn wenn einem auf einmal ein anderer Körperteil unwissentlich wehtun würde, wäre das bedeutend dramatischer. Und dann geht man nach Hause und während man sich langsam wieder vom Woo-Zombie direkt in seine Alltagsexistenz zurücktransformiert, dämmert einem, dass man in seinem Retrotum natürlich noch tiefer sinken kann. Und das auch tun wird. Wer so pervers euphorisiert ein Jahrzehnt feiert, das er eigentlich verabscheut, hat die Ü-29plusEins-Party in fünfzehn Jahren sowas von verdient. Darauf ein Woo.
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Lia von sdbr “Du bist so retro” Lia, oh ja, das bin ich. Die Lady, die den sexdrugsblognrollischen Wahnsinn in Worte fasst und um ihr Leben tippt. Meistens jedenfalls. |
Bild: travellingtamas / Matheus Sanchez / elbragon via flickr
Von Lia R / 29. Dez. 2009 / 1:55 Uhr






→ am 29. Dez 2009 um 11:14 Uhr (#)
“Der Vodka spritzt wie die Gedärme nach einem Zombiebiss und plötzlich bist auch du eins der grauenhaften Woo Girls aus “How I Met Your Mother”.” - fetzt. Ich lach mich schlapp. Gefällt mir gut der Text.