Alex: “Es geht nur Münchhausen”
23. Nov 2009 | in stories | 2 Kommentare

In der sdbr-Gastautorenrunde “Ausgesprochen” geben uns Autoren und Autorinnen aus der deutschen Blogosphäre ihre Stimme zu Themen, die aufregend, alltäglich, abenteuerlich, aberwitzig, anrüchig, außen vor oder einfach da sind. Das Wort der KW 48: DRUCK.
Ich weiß es genauer als mir lieb ist. Druck ist der kleine Helfer im Alltag. Der vorantreibt und zum Wesentlichen zwingt. Aber um aus einer echten Krise herauszukommen hilft Druck gar nichts.
Über sieben Jahre lang habe ich zugesehen, wie der Druck stieg. In dieser Zeit verlor ich fast vollständig das Gehör. Das Selbst, das ich zwanzig Jahre lang gebaut hatte und nun leben wollte, ging verschütt. Als Reporter zu arbeiten, habe ich mir abschminken müssen, von Gesprächen am Telefon kann ich nur träumen. Mit anderen Menschen kann ich mich nur allein und nur in absoluter Stille unterhalten. Keine Musik darf unser Reden untermalen, kein Geräusch oder fremdes Gerede darf es stören. In der Gruppe komme ich nach ein paar Wortwechseln nicht mehr mit. Selbst unter Freunden ist es darum bloß eine Frage der Zeit, bis die Einsamkeit kommt. Ich bin zwar physisch anwesend, aber im Gespräch nie ganz da. Und weil das alles immer auch das Gegenüber betrifft, verlor ich erst eine und dann noch eine Frau, die mir sehr am Herzen lag.
Wohlmeinende Ratschläge von Ärzten, Eltern, Freunden und anderen Betroffenen hatte ich genug. Trotzdem änderte ich nichts. Weder ließ ich mir ein Hör-Implantat einsetzen, noch eröffnete ich mir die Gebärden- und Gehörlosenwelt. Schlecht Hören ist eine Teilzeitbehinderung, darum konnte ich meine Verzweiflung nicht nur vor anderen sondern auch vor mir selbst verbergen. Wenn ich allein bin oder boxe, per SMS oder online kommuniziere, dann bin ich nicht behindert. Um zu schreiben, brauche ich nicht zu hören. Es ist doch gar nicht so schlimm, sagte ich mir. Und funktionierte weiter.
Bis ich letzten Frühling heulend zusammenbrach. Ich schrieb schon seit Jahren an meiner Abschlussarbeit und kam nicht weiter. Ich hatte keine Ahnung wie es danach weitergehen, woher das Geld kommen sollte. Ich war allein und schaffte es nicht, Bekanntschaften zu schließen. Ich dachte mir, Alkohol kann ich auch alleine trinken. Ich war am Boden - aber der Druck war weg.
Frag einen Physiker und er wird Dir sagen, dass es unmöglich ist. Frag einen Ex-Junkie und er wird Dir sagen, dass es die einzige Möglichkeit ist. Frage mich - und ich sage genau dasselbe. Kein Druck der Welt, nur innerer Zug kann dich aus dem Sumpf hieven. Und den merkt man nicht, solange man noch unter Druck steht.
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“Es geht nur Münchhausen” Alex von Not quite like Beethoven ist wie Beethoven - nämlich ertaubt und öfters am daran verzweifeln. Warum Nicht ganz wie Beethoven, kannst Du in seinem ersten Post nachlesen. Hier geht’s zu seinem Blog über Unhörbares, Unerhörtes und Nicht-Gehörtes. |
















24. Nov 2009 um 14:25(#)
Wow, ein super Beitrag.
Ich finde das sehr beeindruckend. Diesen Beitrag steht ganz oben in meiner Liste!
25. Nov 2009 um 10:52(#)
Dankeschön! Ich hoffe, das ist eine Liste wo’s gut ist, oben zu stehen…