Einheitsbrei

Wer ist denn jetzt eigentlich Deutschland? Eins steht fest: Ich jedenfalls nicht. Denn weil ich – ein paar Jährchen hin oder her – quasi genauso alt bin wie das Mauerfall-Jubiläum, war das Ding mit der Einheit für mich immer eher selbstverständlich als besonders special. Verbundenheitsgefühle? Fehlanzeige.
Ja. Die Mauer. Das ist Geschichte, ewig her, aus einem anderen Leben und erst wenn du die Jahreszahl des legendären Tages, die erschreckend nahe an deinem Geburtsdatum liegt, liest, fällt dir auf, dass historische Ereignisse nicht immer zwingend angestaubt sein müssen. Trotzdem: Das mit der DDR, das ist erstmal “Sonnenallee” und “Goodbye Lenin”, aber nichts, was ich als Wohlstands-Love-and-Peace-Kind irgendwie mit meinem Leben verbinde.
mannfred war 1989 dagegen schon stolzer Grundschüler und fand die “Riesenparty vorm Brandenburger Tor”, die auf einmal abends im Fernsehen lief, durchaus faszinierend. Warum die Leute feierten, hat er damals aber nicht so ganz durchschaut – und das, obwohl er sogar eine kleine “Damals, vor der Wende”-Story erzählen kann. Seine Mama nahm ihre Kleinen Mitte der Achtziger mit auf eine durchaus abenteuerliche Zugfahrt von Bayern nach Westberlin, wo sie eine Freundin besuchen wollte und blöderweise erst gemerkt hat, dass sie die Pässe vergessen hat, als die Grenzerin im Zug vor ihr stand. Nicht gerade die gemütlichste Situation.
Deutsch-Deutsche Gegenwarts-Geschichte sehen wir beide also aus dem selben Blickwinkel: Faszinierend, aber fremd. Dass die Familie von Topmodel Franziska Knuppe aus Potsdam von ihrem Begrüßungsgeld einen Videorekorder gekauft hat und das hammermäßig fand, Jan Josef Liefers wegen einer Vier in “Betragen” in der DDR kein Abi machen durfte und Andreas Kieling, einer der bekanntesten Tierfilmer, der mit 16 Jahren trotz eines Steckschuss’ im Rücken durch die Donau in Richtung Westen geschwommen ist, klingt zwar wahnsinnig heftig, im selben Moment aber einfach auch wahnsinnig weit weg.
Was wiederum die Frage aufwirft: Wie wird brandneue Geschichte, ob jetzt deutsch oder nicht, aussehen, wenn unsere verzogenen, Online-Gaming-süchtigen Bälger mal so alt sind wie wir? Bekomme ich den typischen “Jaja, war ja bestimmt superspannend, Mum, aber jetzt lass mich mal weiter ‘n paar Mobs moshen”-Blick zugeworfen, wenn ich erzähle, dass ich gerade vom Joggen heimgekommen bin und live auf N24 gesehen habe, wie an DEM 11. September das zweite Flugzeug ins World Trade Center gekracht ist? Wird die Lehman-Brothers-Story, die Finanzkrise, das Sterben von Quelle, Grundig, Märklin und Schiesser in einem Geschichts-E-Book stehen und auswendig gelernt werden? Werden Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak als völlig gerechtfertigt oder doch eher als militärischer Griff ins Klo dargestellt werden?
Wenn Geschichte die Lüge ist, auf die man sich geeinigt hat, bin ich gespannt auf das überlieferte Ergebnis der Ereignisse, die ich selbst miterlebt habe. Doch weil auch sowas in Zeiten gephotoshoppter Kriegsbilder & Co. durch einen ziemlich subjektiven Filter läuft, wäre es natürlich am Interessantesten, hautnah, live und direkt dabei zu sein. Teil einer (Jugend-)Bewegung sein will man im pseudo-revolutionären Teenie-Alter ja irgendwie schon, auf welche Weise auch immer und auch, wenn der Gedanke im Moment unwahrscheinlicher denn je erscheint, kann man sich nie wirklich sicher sein, nächste Woche nicht vielleicht schon mittendrin zu stehen. Denn wenn man bedenkt, dass am Nachmittag des 09. Novembers 1989 eine öffentliche Stripshow von Egon Krenz noch als realistischer gegolten hatte als der Fall der Mauer, dann kann eigentlich alles passieren. Oder nichts.
Bild: antaldaniel / psd
Von Lia R / 9. Nov. 2009 / 9:37 Uhr





→ am 9. Nov 2009 um 22:55 Uhr (#)
Ich glaube, dafür müsste man die DDR erlebt haben und das habe ich als Wessi nicht – zumindest kannte ich das Ossi-Sandmännchen. Aber ich habe mal einen evangelischen Pfarrer kennengelernt, der im DDR-Gefängnis gesessen und für die Wende gekämpft hat. Seine Erzähungen haben mich sehr beeindruckt. Augenzeugenberichte können uns Geschichte erstaunlich nahe bringen und lebendig machen.
→ am 10. Nov 2009 um 11:50 Uhr (#)
Für mich als “Ossi” ist das schon ein sehr bewegendes Ereignis, auch wenn ich erst 4 war, als die Mauer fiel. Jedoch wird mir besonders am 9. November jeden Jahres immer wieder bewusst, dass mit der Mauer alles anders wäre. Und ich bin sehr froh, im Endeffekt in der BRD aufgewachsen zu sein und nicht in diesem Unrechtsstaat (in dem die Todesstrafe erst 1987 abgeschafft wurde!).
Ich hoffe nur sehr, dass wenn unsere Generation älter ist (also die Leute, die den kalten Krieg nie richtig mitbekommen haben) endlich die “Ossi-Wessi”-Diskussionen aufhören. Unsere Eltern schaffen das leider nicht.