Jag Älskar Sverige!
Wenn die EU eine Highschool wäre, wäre Skandinavien die Streberclique und Schweden ihr Schülersprecher, ihr wisst schon, der mit dem 0,7-Notendurchschnitt. Ein sexuelles Sozialsystem, pornomäßige Pisa-Ergebnisse und die achtzigprozentige Garantie, dass, wenn du dir was Kuscheliges anziehst, um dir deinen neuen Krimi aus dem Regal zu schnappen und dich damit auf die Couch zu verziehen, die essentiellen Zutaten (Pulli, Buch, Regal, Sitzgelegenheit) aus Schweden stammen, machen das Land nahezu ekelhaft beliebt. Warum fahren wir Krauts eigentlich so auf das nordische Halbinselchen ab? Eine Analyse.
[ Zu sehen: Carolina von Fashionsquad, Maja von Polkadots & Vodkahots, Karoline von Fashion Flash ]Beginnen wir mit dem Naheliegendsten: Der Mode-Blogosphäre. Dass Schwedinnen durchaus Anklang in Schland finden, weiß ich spätestens seit unserer oh so sommermärchenmäßiger WM, als ich auf dem Southside Deutschland gegen Schweden geguckt habe und der männliche Teil der Meute vor der Leinwand in Doppelpass-Jubel ausgebrochen ist, weil die Spielerfrauen unserer Gegner gefilmt wurden.
Mit vielen Web 2.0-Fashionistas verhält es sich da ähnlich. Am Anfang war die bloggende Schwedin. Die bekommt inzwischen Plätze in den Frontrows bei diversen Fashion Weeks, Shootings, Jobs, Props, zu allem Überfluss sitzt sie auch noch an der Quelle, weil Lieblingslabels wie “Acne” und “Monki” aus ihrem Heimatland stammen und natürlich kann es nur daran liegen, dass die Klamotten an ihnen auch noch am besten aussehen.

Alle normalsterblichen und eher durchschnittlich modeinteressierten Leser bekommen den Schwedeneinfluss jetzt zu spüren. Denn wohin geht man, wenn man nicht zu viel Kohle und Schritte investieren müssen? Zu der Hennes & Mauritz-Filiale seiner Vertrauens. Klar.
Was neu an dieser Info ist? Zumindest wusste ich bis gerade eben nicht, dass H&M kein Namenskürzel ist. Weil Firmengründer Erling Persson erst nur Damenmode unter die Leute bringen wollte, nannte er seinen ersten Laden „Hennes“ - was übersetzt „für sie“ oder „ihres“ bedeutet. Ab 1968 gab’s den Zusatz “& M”, weil Herr Persson den Jagdbekleidungshändler Mauritz Widfors aufkaufte und somit auch Mackermode mit ins Sortiment aufnahm. Wikipedia sei Dank.

Mode findest du ungefähr so spannend wie die Zwiebeln in deinem Küchenregal? Dein Pech. Du bist trotzdem der Nächste, der sich zu seinem Schwedentum bekennen muss. Weil wir Krauts die besten Ikea-Kunden überhaupt sind (2006 entfielen etwa 17 % - also 2,95 Mrd. Euro - des gesamten Konzernumsatzes auf Deutschland) und der Ikea-Katalog mit 115 Millionen Exemplaren das auflagenstärkste Printmedium der Welt ist, wage ich mal die riskante Prognose, dass auch der Großteil unserer Leser das ein oder andere Schweden-Schmuckstück in seiner Wohnung stehen hat - mannfRed und ich bilden da natürlich keine Ausnahme.
Im Moment feiert das BILLY-Regal jedenfalls gerade seinen 30. Geburtstag und wurde angeblich 41 Millionen Mal verkauft. Wie es mit den Betten aussieht, weiß man leider nicht - allerdings soll laut einer Studie jeder zehnte Europäer in einem von Ikea ausgestatteten Schlafgemach gezeugt worden sein. Wir sollten dringend mal mit einem Teller Köttbullar darauf anstoßen.

Und wer den Kopf trotz Ikea und H&M aus der schwedischen Mainstream-Schlinge ziehen konnte, wird spätestens jetzt von einem Buchdeckel mit der Aufschrift “Astrid Lindgren” schwer getroffen. An Klamotten und Kult-Möbeln kommt man vorbei, an Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf jedoch nicht. Pippi ist Punk, hat tolle Haare und einen Style, der sie heute mindestens zu einer Modebloggerin gemacht hätte. Sie darf, was sie will, kann nicht rechnen, dafür aber Pferde hochheben und eine Torte in Sekundenschnelle aufessen. Was will man mehr?
Auch der Rest der gedruckten Buchstabenwelt ist fest in nordischer Hand. Für die großen Leser gibt’s das etwas ältere, meistens ziemlich auf Alkohol abfahrenden Pippi-Pendant in Form eines Kommissars mit Ö im Namen, der mit weitaus unspektakuläreren Klamotten in schwedischen Einöden mit noch mehr Ös im Namen ermittelt und dabei auch alles darf. Oder so. Die Rede ist natürlich von Henning Mankell-und-ähnlichen-Romanen. Hierzulande ist es normal, 13 Schwedenkrimis auf der Bestsellerliste stehen zu haben und auch für die Frau von heute ist was dabei: “Bitterfotze” von Maria Seveland ist eine Art Reunion-Roman über Feminismus und das moderne Frauenbild an sich, der wirklich gut sein soll. Wer jetzt angefixt ist: Bei Eva Ricarda gibt’s einen schönen Artikel dazu.

Zwei Klischee-Qualitätskriterien für eine gute Indieband? Erstens: Ein “The” im Bandnamen. Zweitens: Skandinavische Herkunft. Diese These kann mit einer durchaus prominenten Kapelle namens Mando Diao zumindest halb belegt werden. Ich persönlich halte “Sheepdog” für ihren größten Hit, mannfRed und der Rest der Menschheit sind seit diesem Jahr allerdings klar für “Dance with Somebody”. Aber nicht nur Gitarristen mit knatschengen Hosen werden von uns mit offenen Ohren empfangen - auch feenhafte Erscheinungen singen sich mit zartem Stimmchen gerne mal in die Gehörgänge deutscher Mädels (und Jungs?). Lykke Li, zerbrechliches Künstler-Multi-Talent und Stilikone in einem, ist das beste Beispiel dafür.
Die Gefahr der popkulturellen Verköttbullarisierung? Lykke ist das neue Schakkelienä. Lasse ist das neue Kevin. Also noch nicht. Allerdings sind schwedische Namen bei jungen Eltern gerade schwer im Kommen. Dass Klein-Bosse und Klein-Ole aber nur noch bedingt Bullerbü-süß sind, wenn sie im zarten Alter von zehn Jahren mit ihrem dröhnenden Handy hinten in der S-Bahn sitzen und “Mein Schwanz ist so lang, ich führ ‘ne Fernbeziehung” rappen, während sie auf die Sitze rotzen, wird dabei allerdings selten bedacht. Schade.
Ein negativer Aspekt musste in dieser Aufzählung schließlich vorkommen. Perfekt ist langweilig, Schweden dagegen garantiert nicht. Oh nein. Schweden rockt. Und Objektivität ist so Printjournalismus. Denn ich bin schließlich auch nur ein Kraut. In diesem Sinne: Jag Älskar Sverige!
Bild: Schwedische Bloggerinnen: bikbok.com / H&M: The Relevant Authorities via flickr / Pippi Langstrumpf: plindberg via flickr / Köttbullar: hirotomo via flickr / Lykke Li: Benoît Derrier via flickr
Von Lia R / 15. Okt. 2009 / 10:09 Uhr





→ am 15. Okt 2009 um 10:40 Uhr (#)
Schweden ist echt ein Hype-Ländchen, aber irgendwie auch mit Recht. Musikalisch kommt viel Gutes daher, ob man nun als 5jähriger auf Mamas Schoß zu Abba gegroovt hat, als 10jähriger zu Ace of Base auf dem Wohnzimmersofa rumhüpfte oder nun mit Lykke und Mando Diao.
Deutschland - Schweden beim Southside war auch ein ziemlicher Hochgenuss. Schon verrückt, dass Tausende sich das Spiel anschauen, während auf der Green Stage die schwedischen Cardigans vor vielleicht 5 Leuten spielen.
Naja, ich brauch jetzt noch nen Küchenschrank und fahr ins schwedische Möbelhaus, wo Pac-Man auf dem Parkplatz Frauen frisst.
→ am 15. Okt 2009 um 11:34 Uhr (#)
Jap schweden ist mit recht ganz oben.
Und ich steh einfach auf Pippi
→ am 15. Okt 2009 um 12:12 Uhr (#)
diesen post wird mein freund lieben^^
→ am 15. Okt 2009 um 15:01 Uhr (#)
ich bin zwar nicht kasumis freund, aber ich lieb den auch.
→ am 16. Okt 2009 um 17:40 Uhr (#)
Sehr schöner Beitrag
Den Link habe ich gleich an meinen Mann weitergeleitet, der gedanklich eh schon mehr in Schweden lebt als hier.
Und auch ich liebe das Land in dem die Elche blühn *g*
Übrigens: Dein Köttbullar-Foto sieht beinahe aus wie meins, und das ist NICHT von Ikae, sondern aus der Kantine der Nordischen Botschaften in Berlin:
http://www.flickr.com/photos/writingwoman/4007779389/
→ am 16. Okt 2009 um 18:20 Uhr (#)
Ich war in den letzten 4 Wochen so ungefähr 20x bei IKEA und hab auch die ganze Speisekarte ausprobiert. Schwedinnen sind auch geil. Also von mir auch ein Jag Älskar Svergie! (schade nur, dass dort Urlaub machen arschteuer ist.
→ am 27. Feb 2010 um 20:39 Uhr (#)
[...] wäre, wäre Skandinavien die Streberclique, verkündete ich vor ein paar Monaten bereits hier und hatte ja keine Ahnung, wie sehr ich in Sachen Fashion damit recht haben [...]
→ am 7. Jul 2010 um 10:25 Uhr (#)
Schweden - ein Traum! auf gehts, zurück in meine 2. Heimat
DAS schwedische Bild wird allerdings mehr von zb. der Band “Those dancing Days” vermittelt
http://www.youtube.com/watch?v=ILuNZYmAs5o