Culcha Candela aus Berlin sind die Genre-Chamäleons des deutschen Popbizz’. Warum das geplante Stationenabfahren von Reggae, P.I.M.P.-HipHop, Klingelton-Credibility, Autotune und “futuristischen Black Eyed Peas-Beats” durchaus funktionieren kann.
Man lasse sich folgendes Szenario auf der Zunge zergehen: An einem doch wohl hoffentlich wunderschönen Sommertag im Jahr 2001 gründete ein junger und dynamischer Herr namens Itchyban zusammen mit zwei weiteren noch dynamischeren Herren, die man heute als Lafrotino und Johnny Strange kennt, eine Band, die Culcha Candela heißen sollte.
Wir drehen das Flashback-Rad um ein paar Jährchen nach vorne: An einem defintiv wunderschönen Sommertag steht Klein-lia.R völlig übermüdet nach einer Frühschicht in ihrer brandneuen WG-Küche und sollte abspülen, wenn sie ihr Verhältnis zu ihren neuen Mitbewohnern nicht gleich in der ersten Woche mit eingebrannter Tomatensoße beschmutzen will. Und weil die WG-Küche neben einem Spülbecken auch noch eine Anlage inklusive CD-Sammlung besaß, war dies war der magische Moment, in dem das candelistische Album “Next Generation” in Form einer silbernen CD-Scheibe völlig zufällig in mein Leben trat. Schicksal oder Zufall?
Seit diesem Zeitpunkt hatte ich mich nach und nach an die Berliner Jungs, vorwiegend zu siebt auf der Bühne unterwegs, und ihren Ruf als typische Chiemsee Reggae-Stamm-Line-Up-Band gewöhnt und deshalb tauchte schon so ‘n kleines WTF in meinen Gehirnwindungen auf, als die Herren CC 2007 ausgerechnet dank dem shakedeinetittenunddeinenassbabyyeahklingeltongangstermäßigen Track “Hamma!” direkt von Null auf Eins in die deutschen Single-Charts eingestiegen sind. An meinem Geburtstag, wohlgemerkt. Schicksal oder Zufall?
Der Image-Wechsel von der straighten deutschsprachigen Dancehall-Combo zu den hiphopangehauchten P.I.M.P.-Mukke-Machern musste erstmal verkraftet werden. Und entweder waren die Fans des alten Styles nachsichtig oder die vielen neuen Anhänger haben die Lücke, die sie hätten hinterlassen können, einfach kompensiert.
Das darauffolgende Album, das stilgerecht den Namen der Band trägt, wurde jedenfalls vergoldet und da muss der jetzt gerade mal ein paar Monate alte Nachfolger “Schöne Neue Welt” natürlich erstmal beweisen, dass er dieselbe Gute-Laune-Klingelton-Credibility draufhat wie “Chica”, “Hamma” oder “Ey DJ”.
Die erste Single-Auskopplung trägt (schon wieder stilgerecht) den Namen der Platte (“Schöne Neue Welt”) und scheint die Hörer mal wieder zu spalten. Während der Song in den YouTube-Kommentaren als Germany’s next Ohrwurm gefeiert wird, meinen User wie “Aschenputtel” im Diskussionsforum von laut.de: “Früher habe ich Culcha geliebt. Dann kam “Hamma!” und das Album “Culcha Candela” – was für ein Schrott! Ich hatte das Gefühl, dass Culcha plötzlich in der Pubertät sind und einen auf dicke (Gangstaaa-)hose machen. Einfach traurig, was da passiert ist! Das neue Album finde ich eigentlich wieder deutlich besser als das Letzte. Auch, wenn es noch lange keinen Vergleich zu den ersten Alben darstellt.”
Und die laut.de-Album-Kritik zur Diskussion um “Schöne Neue Welt” setzt noch einen drauf: “Meine Güte, hier hat aber jemand den Black Eyed Peas den Mist von wegen “futuristische Klänge” abgekauft”, ein Song “geriete erträglich, hätte man auf den billig schillernden Plastik-Sound im Hintergrund verzichtet”, bei einem anderen “reißt einmal mehr der überstrapazierte Autotune-Effekt in den Abgrund”, ein weiterer klingt “als entstamme er einer Sean Paul-Scheibe – bis die Synthie-Claps-getaktete Autotune-Hölle losbricht”. Ihr ahnt es: Glaubt man dem Verfasser, bleiben nicht mehr viele übrig.
Wenn man Culcha Candela unserer Meinung nach aber eins nicht vorwerfen kann, dann ist es, dass ihre Beats schlecht produziert sind. Wenn man sich vergleichbare deutsche Song-Ansammlungen anguckt, klingt das Sounddesign der neuen Culcha-Platte schon ziemlich highclassmäßig. Bei den Black Eyed Peas und den oftmals zum Vergleich herangezerrten Jungs von Seeed (auch aus Berlin, auch viele Leute auf der Bühne) funktioniert die Kombi “weitgehend sinnfreier Text auf gut produziertem Song” schließlich auch. Gute Laune und eine gute Chartplatzierung – mehr scheint der Sound von Culcha Candela nicht zu fordern und das muss er auch gar nicht. Vermutlich.
