Lesen, analog und so
Sich den ganzen Tag nur mit Meldungen über Britneys neue Bumsgeschichten zu beschäftigen, was maximal 20 Sekunden Lesezeit fordert, macht die Birne auf Dauer matschig. Das merkt man spätestens, wenn man seine grauen Zellen für eine Hausarbeit durch irgendein politisches Fachbuch prügeln muss. Um meine Aufmerksamkeitsspanne, damals auf ein “Also ich meine damit eigentlich - hey, ein Eichhörnchen!”-Maß zusammengeschrumpft, wieder ein bisschen zu erweitern, habe ich vor einem halben Jahr damit begonnen, ernsthaft zu lesen. Also Bücher. Books ohne E vorne dran. Total Analog, mit Papier und so.
Als geistige Vorspeise gab’s in den ersten Monaten hochklassige Pussy-Literatur über Pussies, die wahlweise kaufsüchtig oder frustriert sind, irgendwie meistens aber trotzdem in Manhattan residieren und am Ende doch noch ‘nen reichen Macker abkriegen, der ihnen einen Ring von Tiffany an den Finger steckt.
Highlight: Die Shopaholic-Serie von Sophie Kinsella.
Lieblingssatz: “Man wird mich die Frau mit dem taubengrauen Cardigan nennen” (oder so)
Nach diesem Stapel hatte ich mich konzentrationstechnisch soweit vorgearbeitet, um mir den ersten Krisen-Thriller meines Lebens anzutun. Wegen dem Ölkollaps-Schinken “Ausgebrannt” von Andreas Eschbach zog ich ernsthaft in Erwägung, ein geheimes Spaghetti-Lager im Keller anzulegen, lernte dank “Eine Billion Dollar”, dass das Finanzsystem wirklich total kränk ist und in den nachfolgenden Büchern 1324234 verschiedene Verschwörungstheorien kennen, die der Ratzinger und seine Homies aus dem Vatikan theoretisch unter den hässlichen Kutten verbergen könnten.
Highlight: “Eine Billion Dollar” von Andreas Eschbach.
Lieblingssatz: Eigentlich sind es eher die Lieblings-Seitenzahlen, die jeweils mit 9 Nullen dahinter verschiedene Beträge angeben.
Seite 190 erklärt uns beiläufig: Gesamtausgaben im Gesundheitswesen Deutschlands pro Jahr - 190.000.000.000 $.
Und Seite 209 sagt: Gesamtausgaben der Entwicklungsländer für Waffenkäufe im Ausland in den Jahren 1994 bis 2004 - 209.000.000.000 $.
Irgendwann werden aber auch die “Unbedarfter Typ deckt mit Hilfe von geiler und vollbusiger Expertenbraut ein Geheimnis auf, dass die Menschheit in Grund und Boden erschüttern wird und teilt später im heimischen Schlafzimmer mit ihr ihre Seele, weil der Autor zu verklemmt ist, um ‘ne Sex-Szene zu beschreiben”-Stories langweilig. Ein neues Genre musste her, klar.
“Glamorama” von Bret Easton Ellis macht den Anfang. Darin trifft man auf einen glamourös erfolglosen Jung-Schauspieler, dessen Leben vorwiegend aus Vögeln, Koks und Xanax besteht, bis er irgendwie in eine Celebrity-Gruppe reinrutscht, deren Gemetzel nicht so wirklich zum Drehbuch der Reality-Show passt, die er eigentlich drehen sollte. Außerdem steht er auf das Wort “semi”.
Authentisch, hart, unnötig und eklig - dank dieser Eigenschaften wurde ich also doch noch von dem Anti-Genre Popliteratur angefixt. Anti deshalb, weil die Stories meistens so gestrickt sind, dass man der Hauptperson Zeile für Zeile ein entnervtes “Dann bring dich doch um, du Arsch” entgegenschleudern will. Dachte ich zumindest.
Doch angefixt ist angefixt. Also her mit dem neuen Stoff. Weiter ging es daher erstmal eher wahllos mit “Die geladene Knarre von Andreas Baader” von Thilo Bock, was sich allerdings schon allein aufgrund der Tatsache, dass dort Sperma als “innere Erdigkeit” bezeichnet wird, als fetter Griff in die Wortjauche entpuppte. Auch nicht viel besser: “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” von Rocko Schamoni, weil man den notorisch rumheulenden Protagonisten am liebsten nach jeder Seite in den Arsch treten würde. Das altbekannte Popliteratur-Phänomen eben.
Highlight: “The Cocka Hola Company” von Matias Faldbakken.
Lieblingssatz: “I hate the fact that everything, every fucking thing, every action and every fucking attitude, every rebellion and every indecency - everything - turns into desgin, sooner or later.”
“The Cocka Hola Company” ist dagegen ein wunderbar krankes Buch, das vor Pornos, Menschenhass, Mainstream-Hass, Fremdvögeln, Vergewaltigungen, Heroin und hochphilosophischen Zitaten nur so schwitzt.
“Desirevolution” heißt die Pornoproduktionsfirma, um die es dort eigentlich geht und Protagonist Simpel die Kohle für seinen Rachefeldzug gegen “den auf Dauer-Begeisterung eingestellten Kulturbetrieb” liefert. Es gibt ein “Zwangsalkoholikerprogramm”, Tattoo-Aktionen gegen eine Billig-Designerin und Lonyl, seinen Sohn, an dem sich selbst die Super Nanny die Zähne ausbeißen würde. Überragend, aber anstrengend.
Danach habe ich mir erstmal eine dringende Gedruckte-Buchstaben-Pause verordnet und wäre ganz gemächlich fast wieder in die virtuelle 20-Sekunden-Meldungen-Angewohnheit abgedriftet - hätte mich gestern nicht “Der Geldkomplex” von Joachim Lottmann bekehrt.
Liebe Verlagshäuser, ich bin ja leicht zu ködern. Schreibt mir einen Einsstiegssatz á la “Nach einer Trennungssache lebt der Held mit einer zeitgemäß prolligen Bitch-Schlampe zusammen und arbeitet - wie alle in der digitalen Bohéme - umsonst für irgendeine Online-Zeitung” auf die erste Seite und habe euer Taschenbuch quasi schon gekauft (sofern es ein Preis-Limit von 10 Euro nicht übersteigt. Mehr ist nämlich kein Taschenbuch der Welt wert).
Und obwohl “Digital Bohéme” fast so gay klingt wie “Generation Upload”, hatte mich das Buch schon nach den ersten zwölf Seiten, weil ich einfach darauf stehe, wenn Bücher in meiner unmittelbaren Gegenwart spielen. Science Fiction, Fantasy und Historische Romane können mich mal. Ich will Aktualität und Klartext und gerne auch Obama, Lady Bitch Ray und Sascha Lobo. Der wird in “Der Geldkomplex” nämlich auch erwähnt. Und zwar, als Lohmer - der notorisch geldlose Typ, um den es geht - erwähnt, dass er immer dann, wenn seine letzten 15 Cent nicht mal mehr für einen abgeranzten Mini-Apfel reichen, denkt: “Jetzt musst du Sascha Lobo besuchen.” Allerdings geht der in der Szene nach einem kurzen Gespräch erst nicht mehr ans Handy und wimmelt Lohmer dann auch noch “barsch und hochfahrend, ja höhnisch” ab.
Mit seiner Lady Elena, ja, genau, der Bitch-Schlampe, hat Lohmer es auch nicht viel leichter, weil die irgendwie auf die Idee gekommen ist, unser Lohmer wäre nichts als ein notorischer geiziger alter Sack, der “ihr Geld” einfach nicht rausrücken will und der Typ packt es natürlich nicht, ihr zu sagen, dass es nicht stimmt oder sie glaubt es nicht oder beides und so hangelt sich Herr Lohmer völlig kohlelos durch den Berliner EM-Sommer, sinniert über “Hartzies” und darüber, dass Pete Doherty zwar auch kein Geld hat, aber immerhin ein Drogenproblem, also ein öffentlichkeitswirksames Thema und wenn er selbst ein Junkie wäre, hätte er schließlich wieder ein Thema für ein Buch und könnte Geld damit verdienen.
Die Finanzkrise soll ihn übrigens retten, ihm die Kohle und seine Ex-Frau obendrauf zurückbringen, aber ich bin leider erst auf Seite 129 und da redet er gerade mit einer Tussi von den Linken, die er geil findet.
Als ich heute Joachim Lottmann gegoogelt habe, hat sich übrigens mein Verdacht bestätigt: Das Buch ist quasi ein schlecht getarntes Biopic des Autors (oder soll das offensichtlich sein und ich hab’s nicht kapiert? Könnte auch sein.), der den putzigen Spitznamen “J.Lo” trägt. Anscheinend ist Lottmann der Lieblings-Diss-Kandidat des Popliteratur-Vorzeigemenschen Goetz und um seine Persönlichkeit zu beschreiben, muss man sich entweder einen seiner Wikipedia-Einträge (”Als die Malerin Bettina Semmer nachträglich Geld für ein Bild verlangte, das sie Lottmann seinen eigenen Angaben zufolge geschenkt hatte, ließ dieser stattdessen für einen höheren als den von ihr geforderten Betrag „superoriginalgetreue Kopien“ herstellen und gab ihr das Bild zurück.”) oder sein Blog durchlesen.
Und egal wie großkotzig der Herr rüberkommt - für einen alten Sack schafft er es ziemlich gut, in seinem Buch eine Welt zu beschreiben, die ich ihm als “meine unmittelbare Gegenwart” abkaufe.
So viel also zu meinem total analogen Buch-Selbstversuch. Und in einem halben Jahr berichte ich höchstwahrscheinlich begeistert von meinen Science Fiction- und History-Roman-Phasen. Ich seh’s schon kommen.
Und ihr? Steht ihr noch auf Bücher? Vielleicht sogar auf die, durch die ich mich im letzten halben Jahr gekämpft habe? Auch Anregungen für die nächsten sechs Monate werden liebend gerne entgegengenommen.
Von Lia R / 22. Sep. 2009 / 10:27 Uhr





→ am 22. Sep 2009 um 16:21 Uhr (#)
→ am 22. Sep 2009 um 17:31 Uhr (#)
Ja Hallo, da hat mal jemand den grossen Faldbakken gelesen. Ich bin ja eine bekennende Faldbakksche`Misantrophie-Fetischistin.. Aber du musst unbedingt auch noch “Macht und Rebel” von ihm lesen! Das ist noch viel “besser” als “The Cock a Hola Company”… das dritte “Unfun”, find ich nich so doll
und von Ellis wäre da noch der “American Psycho”, ein grosses Buch… und “Unter Null” sein Erstling ist auch ganz gut und die Kurzgeschichten in “Informanten” sind auch lesenswert…
und sonst so als Autoren: Irvine Welsh, Warren Ellis, David Foster Wallace und wie wärs mit Charlotte Roche (*haha*)
→ am 22. Sep 2009 um 17:46 Uhr (#)
Zumindest Feldbakken wollte ich auch mal lesen.
Für Crazy Shit lies mal Christopher Moore, am besten die San Francisco-Reihe (Ein todsicherer Job, Lange Zähne, Liebe auf den ersten Biss) oder die charmanten Parodien auf Klassiker wie die Bibel (Die Bibel nach Biff) und Shakespeare (Fool).
Achja, Hornby hat ein neues Buch, Juliet Naked, die Inhaltsangabe liest sich ziemlich gut.
→ am 23. Sep 2009 um 00:13 Uhr (#)
Hahaha, mir geht es genau so: ich hatte das Gefühl der einzigste Mensch zu sein, der nicht mehr liest (von bild.de jetzt mal abgesehen) seitdem ich das Lesen in der ca. 10. Klasse aufgegeben hatte. Einige Bücher die ich mir zwischendurch mal gekauft hatte wie “Every woman deserves an adventure” (ich dachte ich versuchs gleich mal mit Englisch, blöde Idee) habe ich nach Seite 40 aufgegeben.
Tja und dann hab ich mir die kaufsüchtige Rebecca gegönnt und den ersten Band nach 3 Tagen durch gehabt! Bin jetzt bei Band 2 und hab sogar letzt mal aufs Fernsehen verzichtet weil ich das Bedürfnis hatte weiter zu lesen;-) Wenn das kein Fortschritt ist…
→ am 23. Sep 2009 um 20:08 Uhr (#)
also wenn du spannende bücher magst, kann ich absolut wärmstens die stieg larsson trilogie “verblendung - verdammnis - vergebung empfehlen! so wahnsinnig spannend, man kann nicht mehr aufhören!!
außerdem auch noch sehr gut: “bitterfotze” von maria sveland… sehr witzig und zugleich wehmütig über die rolle der frau, aber keineswegs eingestaubt
viel spaß beim lesen!
→ am 27. Sep 2009 um 00:07 Uhr (#)
Also ich kann jeden Bewohner dieses Planeten den Klassiker “Per Anhalter durch die Galaxis” empfehlen. Falls irgendjemand zufällig die furchtbare Verfilmung gesehen hat, aus dem Kopf streichen! Ein Buch das vor Parodien und Sarkasmus nur so strotz und wo die “ach so hochintellegente” Menschheit mal ihr Fett weg bekommt. Hat zwar schon ein paar Jährchen auf dem Rücken tut aber hier absolut nichts zur Sache (: also ab zu amazon! Außerdem noch zu empfehlen Eleanor Rigby und die nette social networking plattform für Leser http://www.readernaut.com
→ am 6. Okt 2009 um 00:31 Uhr (#)
Francois Lelords “Hector”-Reihe ist gut. Manchmal kitschig, aber gut.
Michel Birbaek kann man auch gut lesen. Vorallem: “Was mich nicht fertig machen ist das Leben, sondern die Tage dazwischen” und “Wenn das Leben der Strand ist sind die Frauen das Mehr” und Richard David Precht, ist zwar very Populärliteratur, aber was solls.
Gierig von Martin Amis ist fanatstisch geschrieben (soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, bin noch nicht fertig damit): Saufen, vögeln, Drogen, Geld, Macht. So die Kurzfassung…die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen, aber ich glaube das reicht erstmal