Der Teufel bloggt nicht unbedingt in Prada

Ich bin ziemlich neugierig. Keine Ahnung, woran das liegt. Möglicherweise daran, dass ich eine Frau bin, vielleicht aber auch, weil ich zu viel Zeit habe. Wenn das Web 2.0 meine große Liebe ist, dann sind Fashionblogs sowas wie der Sex in dieser Beziehung.
Tausende von Mädels, die täglich ihr Leben plus Klamotten plus ihr halbes Tagebuch posten, sind in einer Welt der eingeschränkt sichtbaren studiVZ-Profile wie ein Licht am Ende des Tunnels.

Dass Blogs nicht nur Hobby-Stasimenschen wie mich ansprechen, sondern sogar Verlage wie Burda (schnappte sich lesmads.de, sozusagen die Muddi aller Modeblogs von Julia Knolle und Jessica Weiß) oder Condé Nast (vereinnahmte styleclicker.net, sozusagen DER deutsche Streetstyle-Blog von Gunnar Hämmerle) haben mittlerweile auch der Stern, der Spiegel und die Zeit bemerkt.

Die sprechen von einer Revolution in der Fashion-Sphäre. Das Monopol Modezeitschrift ist Geschichte, weil die fabelhafte Welt der Modeblogger es zehnmal schneller, schicker und schöner schafft, Trends aufzudecken und Kollektionen zu bewerten - während das Schwestern-Genre Streetstyle-Blog dem gelangweilten Durchschschnittsleser mit ein, zwei Klicks das Gefühl vermittelt, style- und szenetechnisch in Paris, London, New York, Tokio oder eben auch München, Berlin und Köln total am Start zu sein. Und außerdem den Designern sagt, wo’s langgeht.
Kleine Kostprobe? “Berlin ist grau, Paris eher rosa, New York taucht alles in ein diffuses Gelb”, erklärt Streestyle-Bloggerin Mary Scherpe von stilinberlin (und übrigens auch MySpaceMode) auf spiegel.de. Alles klar.

Zu einer guten Geschwisterbeziehung gehört aber auch hin und wieder auch ein bisschen Knatsch. Nahezu verdächtig ruhig lief es in den letzten Monaten zwischen den Modebloggern und ihren verwandeten Streetstyle-Schreiberlingen ab. Verlinkten und fotografierten sich gegenseitig brav, inklusive Bussi-Bussi bei den Fashionweeks.

Why the fuck hängen die eigentlich alle dort ab? Tja. Modeblogs sind einfach schon lange kein “demokratisches Forum für eine junge Gesellschaft, die sich vernetzt und ihr Interesse an Mode zur gemeinsamen Sprache macht”. Sorry, liebes spiegel.de-Team, das is’ schon lange raus.
Mittlerweile haben sich die bekannten bloggenden Fashionfreaks längst zu einer Art Style-Elite 2.0 gewandelt. Die Schreiberlinge in der virtuellen Modewelt sind nun mal keine Hippies, sondern eine eingeschworene High-Class-Community, die dem Durchschnittsleser fröhlich mit der Einladung zur nächsten Fashionweek zuwinkt.

Soll heißen: Die Oberschicht der Modeblogger findet sich schon ‘n bisschen geil. Dazu hat sie ja auch jedes Recht. Fand ich. Auch wenn man sich darüber streiten könnte, wie viel eigener Style und Persönlichkeit in der mittlerweile medienwirksamen Selbstinszenierung bekannter deutscher Fashionblogs noch übrig geblieben ist. Aber lassen wir das. Alles war soweit okay. Bis das Geheule begann.

MySpace Mode hat damit angefangen und der Welt erklärt: Es gibt da ein verdammt nerviges Phänomen names Editorialista, dass dem Modeblogger an sich den Krieg erklärt hat. Kurze Hintergrundinfo: Die Märchenwelt der Modeblogger spaltet sich mittlerweile in zwei Fronten. Da wären zum einen die nicht oder zumindest nicht-so-wirklich kommerziellen Urgesteine (wie lesmads & Co.), die ihre Stärke vor allem in der Unabhängigkeit von Werbekunden sehen - und auf der anderen Seite die Mädels, die schon ewig bei der Vogue und Kollegen arbeiten und in den straight Richtung Erfolgshimmel aufsteigenden Blog-Heißtluftballon mit eingestiegen sind.

Letztgenannte nennt man, wie gesagt, in Fachkreisen oder zumindest in der nicht-so-wirklich kommerziellen Bloggerwelt also Editorialista. Definiert als - sinngemäß zitiert - die doofen Schlampen, die modelmäßig aussehen, aber keine wandelnden Kleiderständer sind, weil sie Karriere in der Redaktion gemacht haben. Sie arbeiten bei der Vogue und so und haben deshalb immer zuerst die Connections zu Designern, Einkäufern, neuen Kollektionen und Designerklamotten am Start.

Im Klartext: Was sie von lesmads & Co unterscheidet, ist der Zugang zu allen Dingen, die der Oberschicht der nicht-so-wirklich-kommerziellen Modeblogger noch fehlt. Und dann - oh my god - kommen die doofen, einst verbündeten Streetstyle-Blogger an und fotografieren die Editorialistas auch noch!

Das kotzt das Mädel von MySpace Mode wahnsinnig an und diesen Ball lässt sich die Kollegin von lesmads.de natürlich liebend gerne zuspielen. Sie prangert auf ihrem Blog nicht nur die Editorialista-fixierten Streetstyle-Menschen an, sondern auch gleich die “Vermittlung eines völlig verfremdeten Weltbildes”. Weil sich Miss lesmads auf diversen Fashion-Weeks lieber tippend für ihre Leser aufopfert, anstatt sich zu stylen, rennt sie mit den letzten Fetzen aus ihrem Kleiderschrank (aber natürlich von Acne) zur Show, während die Crew der TeenVogue nach einem Marathon aus Maniküre-, Sonnenstudio- und Stylistenterminen neben ihr entspannt in den vorderen Reihen Platz nimmt. Das findet sie doof, weil ja klar is, wer dann am Ende von den Streetstyle-Kollegen fotografiert wird (die TeenVogueMenschen) und wer im bösen bösen Modezirkus mal wieder das Nachsehen hat (die fleißige deutsche Bloggerin).

Denn “in diesem Spiel gewinnt die mit dem geringsten Gewicht, der neuesten Jacke oder der teuersten Tasche”, klagt MySpace Mode. Und auch lesmads schließt sich an: “Vorrangig zählt das Aussehen und nicht das Talent.” Gut erkannt. Aber ist es nicht so, dass auch ihr exakt mit dem letztgenannten Kriterium in die Oberschicht der Modeblogger geklettert sein? Das Selbstbild der einfachen “mit Pizza, ein wenig H&M oder auch mal mit Turnschuhen”-Schreiberin, dass eine der lesmads-Ladies zu kreieren versucht, ist doch ungefähr so realistisch wie ein Date mit Justin Timberlake.

Tatsache ist: Wer - wenn nicht ihr, liebe High-Class-Modebloggerinnen - verkörpert, abgesehen von einem Job bei einer Modezeitschrift, den perfekten Abzug der (von euch verteufelten) Editorialista? Das Bild von einer Jessica Weiß oder einer Mary Scherpe sieht für die Außenwelt nun mal so aus: beide Chefredakteurinnen erfolgreicher deutscher Fashionblogs, immer gut angezogen, gerne auch mit Label und überall dort am Start, wonach sich die deutsche Durchschnittsmodeinteressierte die Finger lecken würde. Also Mädels, kommt mal wieder runter. Ihr habt weit mehr, als den Normalos zusteht.

Versteht mich nicht falsch: Wie gesagt, ich liebe Modeblogs. Solange sie ihren Job machen. Gebt mir Laufstege, Kollektionen und die Fashionweeks backstage. Führt mich nach New York, taucht das ganze Ding meinetwegen auch in “diffuses Gelb”. Füttert mich mit öffentlich-privaten Tagebucheinträgen und Kommentaren. Versorgt mich mit Online-Shopping-Guides und lasst mich meine Zeit mit Diskussionen über die perfekte Lederjacke / bauchfrei: ja oder nein? / und macht Gelb jetzt eigentlich fett verbringen. Aber hört bitte damit auf, euer Ansehen zu reflektieren und heulend auf eure Daseins-Berechtigung neben den fiesen Profi-Fashionistas zu pochen.

Denn das von euch gewählte Genre macht doch vor allem eins aus: Oberflächlichkeit. Und viele Klicks oder ein Vertrag mit Burda bringen euch trotzdem noch lange nicht zur Vogue Paris. Dort zählt neben einer Größe von 1,80 nämlich im besten Fall auch eine interessante Schreibe, die über die Bildunterschrift eines Outfit-Fotos oder einen Fashionweek-Erlebnisaufsatz hinausgeht.
Also, mal schön tief durchatmen, meine Lieben. Ihr bloggt. Und das läuft. Mehr aber auch nicht.

Weiterlesen: Mode-Blogs - der virtuelle Laufsteg auf spiegel.de / Mode-Blogs: Trends von der Straße auf stern.de / Vogue war gestern: Die Bedeutung der Mode-Blogs auf zeit.de / Moderedakteurinnen an die Macht auf lesmads.de / Die Editorialista auf MyspaceMode
TeenVogueCrew: Jak & Jil

Von Lia R / 5. Mär. 2009 / 11:22 Uhr

 

Mehr davon




Kommentare zu Der Teufel bloggt nicht unbedingt in Prada

Dranbleiben: Verfolge die Diskussion per Feed oder schnapp dir die Trackback-URL.
Hier kannst du deinen Senf dazugeben. Wir sind verdammt heiß auf deine Meinung!

  1. dandelion

    → am 5. Mär 2009 um 19:09 Uhr (#)

    Böse .. aber gut!

  2. Leila Florita

    → am 5. Mär 2009 um 19:25 Uhr (#)

    Der Ansatz war von mir muaha, das hast du aus den Kommentaren bei Mads geklaut, ich sollte dich verklagen !

    Joke to se side, selten so gelacht, auch wenn ich mich jetzt nicht weiter äußern kann, weil ich sonst in dieser ach so hierarchischen Bloggerwelt entlinkt werde.

    Es sei jedem Blogger erlaubt eine eigene Meinung bezüglich der Editorialistas zu vertreten und das auch ohne befürchten zu müssen, von mir als doof abgestempelt zu werden.

    Nein, aber ich finde einfach, dass die Chefredakteurin der französischen Vogue sich verdammte scheiße geil finden kann, denn wenn sie es nicht täte wäre das der Bescheidenheit in diesem Glitzer-Biz zu viel und ich würde mir ernsthaft Sorgen machen.

    Ich mein ich würde mich auch geil finden, ganz ehrlich. Wir würden uns alle noch viel geiler finden. Und wir finden uns alle geil, da hast du auch recht. Aber es ist nunmal so geil sich geil zu fühlen.

    Ok, Schluss.

  3. Sekt auf Eis

    → am 5. Mär 2009 um 20:20 Uhr (#)

    hihi. ach, ist mir alles zu kompliziert, übersteigt meinen mini-blogger-verstand mit dem editorialistasschnickschnackhühnerkack…

  4. mary

    → am 5. Mär 2009 um 20:24 Uhr (#)

    ich würde mir wünschen du hättest meinen text richtig gelesen. dann würdest du mich nicht falsch zitieren und nicht solche sachen schreiben:

    “MySpace Mode hat damit angefangen und der Welt erklärt: Es gibt da ein verdammt nerviges Phänomen names Editorialista, dass dem Modeblogger an sich den Krieg erklärt hat.”

    “Editorialista. Definiert als - sinngemäß zitiert - die doofen Schlampen, die modelmäßig aussehen, aber keine wandelnden Kleiderständer sind, weil sie Karriere in der Redaktion gemacht haben.”

    “Das kotzt das Mädel von MySpace Mode wahnsinnig an”

    das stimmt einfach nicht, weder meine ich es so, noch habe ich es so geschrieben. ich werde das hier nicht näher erläutern, denn jeder kann meinen text selbst lesen. du stellst es hier falsch dar und ziehst aus diesen falschen darstellungen auch noch falsche schlüsse. aber wenn man den rest deines blogs anschaut, ist schon klar, worum es dir geht. und auch damit wirst du deine leser finden, gibt ja genügend, die auf krawall gebürstet sind und sich an solchen dämlichkeiten gern erfreuen.

  5. aNNa*FrOst

    → am 6. Mär 2009 um 10:13 Uhr (#)

    ich sags selten, seeeehr selten, aber ich bin grade ein fan geworden!
    bock aufn kaffe?!

  6. aNNa*FrOst

    → am 6. Mär 2009 um 10:16 Uhr (#)

    also, fan deiner schreibe!
    (nicht, dass jetzt hier was falsch verstanden wird..)

  7. BelleOnEarth

    → am 12. Mär 2009 um 10:43 Uhr (#)

    leila, ja wir finden uns alle geil ;-) so liebe condenast, jetzt entdeckt bitte auch meinen Blog.

  8. NadineySophie

    → am 22. Mai 2009 um 17:13 Uhr (#)

    Ich wusste gar nicht, dass es da so einen Blogger Krieg gibt…
    Aber generell ist doch die hauptsache, dass alle schön unterhalten werden.


Und was sagst du?


LIEBLINGE

Neueste Kommentare

  • kathi: do! bin cineastisc h...
  • Janina: Danke, ich hab herzl...
  • stiller: Ich schwanke irgend...
  • Toby: Go! Aber vermeide es...
  • Thang: Anschauen! Der Film ist...

FINDEN


 
sexdrugsblognroll.com formspring.me ask us anything faqsexdrugsblognroll.com VICE CONTENT NETWORK Germany sexdrugsblognroll.com feedburner feed abonnieren

© 2010 sexdrugsblognroll.com - fetter ansatz. trockene spitzen. Add to Technorati Favorites bloglovin blogoscoop blog-o-rama.de Bloggeramt.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de